Geheimdienste Agenten, die in Deutschland Menschen verschleppen

Am 8. Juli 1952 wurde der Jurist Walter Linse auf offener Straße im US-Sektor Berlins in ein Auto gezerrt. Statisten stellten die Szene später nach.

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  • Der vietnamesische Geheimdienst soll einen ehemaligen kommunistischen Parteifunktionär aus Berlin verschleppt haben.
  • Der Fall belastet die diplomatischen Beziehungen Deutschlands zu Vietnam.
  • In der Vergangenheit kam es schon häufiger vor, dass Geheimdienste Menschen von deutschem Boden aus verschleppten.
Von Sebastian Jannasch

Ein ehemaliger kommunistischer Parteifunktionär und Geschäftsmann ist aus Berlin verschleppt worden, Trinh Xuan Thanh - weshalb die Bundesregierung lautstark protestiert. Aus Sicht Berlins besteht kein Zweifel, dass der vietnamesische Geheimdienst hinter der Entführung steckt. Thanh war am 23. Juli in ein Auto gezerrt worden, von offenbar Bewaffneten. Deshalb war der Geheimdienst-Vertreter an der Botschaft in Berlin aufgefordert worden, Deutschland binnen 48 Stunden zu verlassen. Am Donnerstag trat Thanh mit versteinertem Gesicht im vietnamesischen Staatsfernsehen auf und erklärte, dass er freiwillig nach Vietnam gereist und nicht entführt worden sei. Aus dem vietnamesischen Außenministerium hieß es, das Land lege großen Wert auf die strategische Partnerschaft mit Deutschland, man bedauere die geforderte Ausreise.

Die Entführung löst Empörung aus. Ein Einzelfall ist die Verschleppung von deutschem Boden jedoch nicht. Während des Kalten Krieges gab es viele ähnliche Aktionen. "Insgesamt sind etwa 400 Menschen zwischen der Gründung der DDR 1949 bis Mitte der 1960er Jahre aus der Bundesrepublik verschleppt oder entführt worden", sagt Susanne Muhle von der Stiftung Berliner Mauer. Eine Auswahl:

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Karl Wilhelm Fricke

Der Journalist Karl Wilhelm Fricke, der 1949 aus Ostdeutschland in die Bundesrepublik geflüchtet war, spezialisierte sich früh in seiner Karriere auf die Berichterstattung über die DDR. Dass er immer wieder die Machenschaften des SED-Regimes beleuchtete, ließ ihn ins Visier der Stasi-Agenten geraten. Am 1. April 1955 kam es zu einer Entführung, wie sie sich Drehbuch-Autoren nicht besser ausdenken könnten: Mit K.o.-Tropfen, die ihm ein Bekannter ins Glas träufelte, wurde er in einer Berliner Wohnung betäubt, nach Ost-Berlin verschleppt und in Haft genommen. Die Stasi vermutete, Fricke müsse wegen seiner guten Kenntnisse einen Informanten im DDR-Innenministerium haben. Fricke stritt das ab, wurde aber in einem Geheimprozess 1956 wegen "Boykotthetze" zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt, die er in Gefängnissen in Brandenburg und Bautzen absitzen musste. Nach seiner Entlassung arbeitete er weiter als Journalist. Walter Linse

Der Jurist Walter Linse lebte Anfang der 1950er Jahre in West-Berlin, wo er sich mit rechtswidrigen Enteignungen der DDR beschäftigte. Er geriet ins Fadenkreuz der Stasi, die brutal gegen ihn vorging. Am 8. Juli 1952 wurde Linse auf offener Straße im amerikanischen Sektor Berlins von vier Kriminellen in ein Auto gezerrt. Den Männern war eine Prämie von mehreren Tausend D-Mark für die Entführung versprochen worden. Um seinen Widerstand zu brechen, schossen ihm die Entführer ins Bein und brachten ihn in den sowjetischen Teil der Stadt. Im Westen löste der "Menschenraub" Demonstrationen aus. Zahlreiche Politiker setzten sich für Linse ein, darunter der damalige SPD-Abgeordnete Willy Brandt und der Regierende Bürgermeister von Berlin Ernst Reuter. Doch die Aufrufe waren vergeblich, Linse wurde in die Sowjetunion gebracht, am 23. September 1953 zum Tode verurteilt und kurz darauf hingerichtet. Im Jahr 2007 wurden Berichte bekannt, Linse habe sich während der Nazi-Diktatur an der Enteignung jüdischer Betriebe beteiligt.

Isang Yun

Es war am frühen Morgen des 17. Juni 1967, als bei Isang Yun in Berlin Spandau das Telefon klingelte. Der koreanische Anrufer forderte den seit den 1950er Jahren in Deutschland lebenden Komponisten auf, wegen einer dringenden Angelegenheit in die Stadtmitte zu kommen. Dort wurde er überwältigt und in ein Gefängnis nach Seoul gebracht. Insgesamt 17 Koreaner wurden damals vom koreanischen Geheimdienst entführt. Der Vorwurf: Sie würden für das kommunistische Nordkorea spionieren und einen Umsturz in Südkorea vorbereiten. Yun wurde wegen Landesverrats zu lebenslanger Haft verurteilt. In Deutschland entwickelte sich der Fall zum Politikum, koreanische Diplomaten mussten Deutschland verlassen, später wurde die Wirtschaftshilfe eingestellt. Internationaler Protest führte dazu, dass Yun im Jahr 1969 aus dem Gefängnis entlassen wurde und nach Berlin zurückkehrte. 1971 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft.

Jeffrey M. Carney

Nicht nur östliche Geheimdienste organisierten Entführungen aus Deutschland. Der in West-Berlin stationierte amerikanische Abhörspezialist Jeffrey M. Carney, Deckname "Kid", spionierte in den 1980er Jahren als Maulwurf bei den amerikanischen Diensten für die Stasi. Später setzte er sich nach Ost-Berlin ab, arbeitete in der Funkaufklärung. Nach dem Mauerfall spürten ihn die Amerikaner auf, im April 1991 wurde er von Geheimdienst-Agenten aufgegriffen und in die Vereinigten Staaten verschleppt. Etwa elf Jahre verbrachte er im Gefängnis.

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