Gastkommentar Neue Normalität

Jenseits der Krise an den Aktienmärkten: Drei wenig beachtete geopolitische Strategien gibt es, mit denen China die Welt nachhaltig verändern dürfte. Politiker im Westen sollten sie sehr ernst nehmen.

Von Ulrich Blum

Vor zwei Jahren rief Staatspräsident Xi Jinping die "neue Normalität" für China aus. Vermutlich ahnte er nicht, wie schnell diese Normalität zu einem "Zeitalter verminderter Erwartungen" werden würde, wie der Ökonom Paul Krugman in den 1990er-Jahren einmal mit Blick im Westen formuliert hatte.

Die Luft aus der chinesischen Aktienblase ist auf jeden Fall erst einmal heraus. Das Land bekommt in gewissem Sinne die Quittung für eine Wirtschaftspolitik, die richtigerweise versucht hat, die Binnennachfrage - also Konsum und Investitionen - anzukurbeln, die Abhängigkeit vom Export zu reduzieren und gleichzeitig die Westprovinzen des Landes zu entwickeln. Dabei hat die Regierung aber übersehen, dass die unausgewogene Wirtschaftsstruktur - neben den ganz Großen gibt es fast nur Kleinstunternehmen - die Anpassungsfähigkeit des Systems überfordert: Es fehlt ein leistungsfähiger Mittelstand mit Flexibilität und Marktdurchdringung dort, wo andere nicht hinkönnen oder -wollen. Tatsächlich wurde die Reorientierung auf die Binnenwirtschaft vor allem durch Subventionen für die Großindustrie forciert. Nun ist das Debakel da.

Die Entwicklung war absehbar. Und bereits jetzt stehen fast zwangsläufig drei neue Trends an, von denen die Öffentlichkeit bisher kaum Notiz genommen hat. Sie werden in den kommenden Jahren die Geostrategie des Landes massiv beeinflussen und sollten daher auf dem Radar der politisch Verantwortlichen sein.

Es existiert eine Theorie der Handelserwartungen, die zu erklären versucht, weshalb Konflikte zwischen Ländern ausbrechen, die untereinander viel Handel treiben, wie etwa Großbritannien und Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg. Nach der liberalen Doktrin sollte Handel Frieden schaffen, weil dafür "Völkerfreundschaft" nicht erforderlich ist, sondern eine beidseitig klare positive Interessenlage reicht. Trotzdem sind es gerade stark durch Handel verflochtene Länder, die gegeneinander in den Krieg ziehen. Wenn Handel Abhängigkeit schafft, und das daraus entstehende Risiko weit negativer beurteilt wird als der Ertrag, dann kann heute ein Konflikt ausbrechen. Für das Britische Weltreich und das Deutsche Reich vor 1914 traf genau dies zu. Für China gilt heute Ähnliches: Es sieht sich zunehmend abhängig von wichtigen Rohstoffquellen, wurde beim Versuch, sich in westliche Rohstoffunternehmen oder Häfen einzukaufen, massiv behindert und muss feststellen, dass sein Zugang zu internationalen Gewässern problemlos abgeschnitten werden kann, wie vor 100 Jahren der Deutschlands zum Nordmeer. Deshalb stellt sich China die Frage, wie es seine Entwicklung langfristig durchhalten kann. Die Politik der Rohstoffsicherung in Afrika ist eine Facette, die starke maritime Aufrüstung eine andere, und schließlich der Kampf um Inseln, die früher chinesisches Reichsgebiet waren, eine dritte. Wenn der Westen aus guten Gründen tausend Jahre alte Heimatansprüche des jüdischen Volkes in Palästina restituiert, darf er sich nicht wundern, wenn China das Einflussgebiet, aus dem es sich vor knapp 600 Jahren zurückziehen musste, ähnlich sieht. Henry Kissinger hat davor gewarnt, China gegenüber eine Politik zu betreiben, die sich an der gegen Deutschland in der Zeit um 1900 orientiert, dem man das Recht verweigern wollte, zum Kreis der großen Nationen zu gehören. Bisher scheint er nicht gehört worden zu sein.

Handel, der zu Abhängigkeit führt, kann Konflikte auslösen

Ein weiterer Weg, um ökonomische Abhängigkeit zu reduzieren und den westlichen Landesteil zu entwickeln, sind die Initiative für eine Asiatische Investitions- und Infrastrukturbank (AIIB) und das Projekt Seidenstraße. Beide haben zum Ziel, mit viel Geld ein Glacis wirtschaftlich erfolgreicher Länder im Süden und Westen Chinas zu etablieren. Die Volksrepublik sieht sich bedroht von ethnischen Konflikten, die teilweise auch von außen hineingetragen werden. Für die Weltwirtschaft bedeutet das, dass das heutige "Gleichgewicht des Schreckens" - chinesische Exportüberschüsse dienen der Finanzierung amerikanischer Schulden, ermöglichen so chinesische Exporte in die USA und begrenzen dort die Inflation - zum Auslaufmodell wird. Vielmehr dürften die hohen Investitionen durch das Projekt AIIB dazu führen, dass die Zeit der billigen Finanzierung der amerikanischen Staatsschuld zu Ende geht, weltweit die Zinsen steigen und die Vereinigten Staaten ihrer Möglichkeit beraubt werden, die Kosten der eigenen Wirtschaftspolitik regelmäßig auf den Rest der Welt zu verteilen. Nicht umsonst versuchen die Vereinigten Staaten massiv, Handelsbündnisse unter Einschluss Chinas und den Beitritt westlicher Länder zur AIIB zu behindern.

Schließlich sollte die kurze, aber wichtige Grenze zu Russland nicht unbeachtet bleiben. Am Ussuri wurde schon 1969 ein schwerer Konflikt ausgetragen; die Volksrepublik China signalisierte den USA, dass die Koalition mit der Sowjetunion zerbrochen war. Besuche von Henry Kissinger und Richard Nixon und eine Annäherung, die die geostrategische Situation Asiens vollständig veränderte, waren die Folge. Heute zeigt sich, dass Russland nicht in der Lage ist, seine östlichen Landesteile erfolgreich zu entwickeln, Wladiwostok ist ein Torso. Die Ideen, über die Transsibirische Eisenbahn eine attraktive Logistikkette anstelle des Schiffstransports zu organisieren, auch um sich unabhängig von Problemen im Luftverkehr zu machen, bleiben unter russischer Organisation eine Vision. Tatsächlich wirkt China wirt-schaftlich, aber auch demografisch immer stärker in diesen Bereich hinein. Auch die demografische Situation spricht für eine chinesisch getriebene Expansion. Damit entsteht dort eine Durchdringungszone, die grundsätzlich wirtschaftlich erfolgreich sein kann, aber langfristig möglicherweise zu Konflikten führt, die Moskau auf den Plan rufen könnten.

Ulrich Blum, 62, ist Professor für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Exzellenzprofessor der Volksrepublik China.