Gastkommentar Die neue graue Macht

Vom Berater des Kardinals Richelieu bis zu Google: Wie Eminenzen im Hintergrund die Gesellschaft verändern.

Von Luciano Floridi

François Leclerc du Tremblay war ein französischer Kapuzinermönch. Wegen seiner grauen Robe wurde er auch als L' Eminence Grise bekannt. Als Berater von Kardinal Richelieu prägte er den Verlauf des Dreißigjährigen Krieges wie nur wenig andere. Seine Fähigkeit, als graue Eminenz hinter den Kulissen die Einflussreichen zu beeinflussen, nenne ich "graue Macht". Sie ist hochaktuell.

In jeder Gesellschaft gibt es graue Macht. Solange wir deren Veränderung nicht verstehen, werden wir kaum die Gesellschaft verbessern können. Graue Macht ist wie Efeu: Sie wächst an den Wänden der offiziellen Macht und blüht im Schatten. Umbruchzeiten verführen dazu, schlagzeilenträchtige Nachrichten als Faktoren zu nehmen, die graue Macht verändern: Einwanderung und Terrorismus, Finanzmärkte, Euro und Griechenlandkrise. Doch all das sind Wellen auf der Oberfläche der Geschichte. Unabhängig davon, wie groß und bedrohlich sie sind, wir müssen uns auf Unterströmungen konzentrieren, die noch da sein werden, wenn der Sturm vorbei ist.

Als das Christentum Europa dominierte, war die graue Macht eine religiöse Sache. In der Industriegesellschaft kann das Verhalten von Menschen durch die Steuerung von Vermögen und Kapital manipuliert werden. Das Grau, das die neuen Eminenzen tragen, die die Einflussreichen beeinflussen, ist das ihrer Anzüge. Auf lange Sicht werden Kapitalismus, Wettbewerb und Konsumerismus die industriell-finanzielle graue Macht aushöhlen, Güter und Dienstleistungen werden zu undifferenzierter Massenware. Irgendwann garantiert industrielle Fertigung nicht mehr den Platz hinter dem Thron. Der Niedergang der industriell-finanziellen grauen Macht begann vor langer Zeit, ein Einschnitt war das Jahr 2009, als General Motors und Chrysler vor der Pleite standen und von der amerikanischen und der kanadischen Regierung gerettet werden mussten.

Mittlerweile ist eine andere graue Macht entstanden, die nicht auf der Kontrolle der Produktionsmittel von Dingen basiert, sondern auf jener der Information über Dinge. Wie George Orwell in "1984" schrieb: "Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit." 1984 gab es noch keine Computer, Orwell beschrieb vielmehr eine totalitäre Massenmedien-Gesellschaft. In ihr können jene, die die Produktion der Information steuern, auch Menschen und Ereignisse steuern. Information war immer Macht, auch zu Zeiten Richelieus, aber die entsprechende graue Macht entstand erst mit den Massenmedien, dem Heranwachsen einer intellektuellen und einer technisch-wissenschaftlichen Elite, und der Entwicklung von Presse und Journalismus als sogenannter vierter Gewalt. Diese graue Macht entfaltete sich voll am 8. August 1974, als US-Präsident Richard Nixon wegen des Watergate-Skandals zurücktreten musste.

Heute, so glauben einige, hat das Internet das Kapital als Quelle von Macht ersetzt. Mag sein. Aber es wäre ein gefährlicher Fehler, sich nur auf die sichtbaren Aspekte zu konzentrieren - die bloggende oder tweetende Gemeinde, Bürgerjournalisten, Hacktivisten und nicht auf das, was dahinter liegt. Würden Informationen die neue graue Macht ausmachen, dann wären Zeitungen nicht bedroht, Wikipedia wäre mächtiger als Facebook oder Twitter. Verleger würden Amazon ihre Bedingungen diktieren. Die Musikindustrie hätte Apple revolutioniert. Zeitungen hätten Google ihren Willen aufgezwungen.

Information hat mit Fragen und Antworten zu tun. Die graue Macht in der Massenmedien-Gesellschaft hatten jene, die die Antworten kontrollierten. Veröffentlichen, Senden, Werben heißt, Antworten an Empfänger zu senden, die möglicherweise keine Fragen gestellt haben. Heute, in reifen Informationsgesellschaften, sind Antworten spottbillig. Ihre Kontrolle verleiht keine graue Macht; die hat sich wegbewegt von der Steuerung der Informationen über Dinge hin zur Steuerung der Fragen, die Informationen über Dinge preisgeben. Sollte man ein Datum wählen für die Etablierung dieser neuen grauen Macht, dann wäre es der 4. September 2014, der Tag, als das Weiße Haus Megan Smith, eine Google-Managerin, zum Chief Technology Officer ernannte. Die neue graue Macht wird darüber ausgeübt, welche Fragen gestellt werden können, wann und wo, wie und von wem. Und weil eine Frage ohne Antwort nur eine andere Definition von Unsicherheit ist, bedeutet dies, dass in reifen Informationsgesellschaften die Morphologie von grauer Macht die Morphologie von Unsicherheit ist. Wer die Fragen steuert, steuert die Antworten. Wer die Antworten steuert, steuert die Realität.

Themen wie Transparenz, Privatsphäre, Meinungsfreiheit und geistiges Eigentum gehören zu einer fundamentaleren Debatte über die neue Morphologie grauer Macht. Die Kontroverse um ein Experiment 2014, in dem Facebook das Verhältnis von negativen zu positiven Beiträgen von 689 000 Nutzern ohne deren Wissen oder Einverständnis manipuliert hat, zeigte Facebooks graue Macht. (Facebook ist eine Schnittstelle, die den Fluss von Fragen und Antworten gesellschaftlicher Information managt.) Und die Debatte von 2014 über das Recht auf Vergessenwerden war auch eine Debatte darüber, wie die Kontrolle über Googles graue Macht wiedererlangt werden kann. Nach Angaben der Organisation Map Light gab Google im ersten Quartal 2015 zum ersten Mal mehr Geld für Lobbyarbeit in Washington aus als jedes andere Unternehmen.

Zwei Aufgaben liegen vor uns: Wir müssen die Entwicklung der neuen grauen Macht als eine Form der Steuerung von Unsicherheit besser verstehen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Steuerung der Unsicherheit durch legitimierte Prozesse kontrolliert wird. Das dauert lange und ist ermüdend. Gut, jetzt damit anzufangen.

Luciano Floridi, 50, ist Professor für Philosophie und Ethik der Information an der Universität Oxford. Übersetzung: A. Borchardt