Gastkommentar Deutsche unerwünscht

Ein lehrreicher Blick in die Geschichte: Wie sich im 19. Jahrhundert viele Amerikaner gegen die Masseneinwanderung von Deutschen in die USA wehrten. Und wie diese sich selbst isolierten.

Von Mischa Honeck

Der Begriff der "Leitkultur" erlebt in der Flüchtlingskrise eine zweifelhafte Renaissance. Und es steht zu befürchten, dass nach den Anschlägen von Paris die Angst vor dem Fremden noch zunehmen wird. Da mag ein Blick in die Geschichte helfen. Nach der gescheiterten Revolution von 1848 waren es Deutsche, die in den Vereinigten Staaten Schutz suchten. Statt sich aber der angelsächsisch geprägten Mehrheitsgesellschaft anzupassen, führten die Revolutionsflüchtlinge einen erbitterten Kampf um kulturelle Selbstbestimmung.

Dass Flucht und Migration oft am Ende einer Kausalkette stehen, der Armut, Not und Krieg vorausgehen, zeigt nicht erst das Beispiel Syrien. In der Mitte des 19. Jahrhunderts schwappte eine revolutionäre Welle durch Europa, die erstaunliche Parallelen zu den Vorgängen im Nahen Osten heute aufweist. Damals wie heute reagierten Machthaber auf Forderungen nach politischer Teilhabe mit Repression. Damals wie heute verließen Menschen ihre Heimat, weil sie um ihr Leben fürchteten. Deutsche Revolutionäre fanden Asyl in der Schweiz und in England; die meisten aber zog es nach Amerika. Die Zahl der Auswanderer war zwar nicht annähernd so hoch wie heute, dennoch sind ältere Schätzungen, wonach nur 8000 bis 12 000 deutsche Revolutionäre geflohen sind, viel zu niedrig. Tatsächlich mischten sich unter die bildungsbürgerlichen Achtundvierziger viele politisierte Einwanderer aus den unteren sozialen Schichten.

Wer nun glaubt, die Revolutionsflüchtlinge wären mit offenen Armen empfangen worden, täuscht sich. Als der europäische Völkerfrühling ausblieb, schlugen anfängliche Sympathien in Ernüchterung, später in Ablehnung um. Wie viele westliche Beobachter des Arabischen Frühlings sahen konservative Amerikaner in der Entwicklung Europas nach 1848 eine Bedrohung. Die Geschäftselite der Nordens und die Sklavenhalter des Südens stellten die Flüchtlinge kollektiv unter Radikalismusverdacht. Ihre Warnung war unmissverständlich: Von den Schiffen stiegen keine Brüder und Schwestern im Geiste, sondern säkulare Fundamentalisten - "rote Republikaner", die nicht vor Gewalt und Terror zurückschreckten. Ein texanischer Journalist sah in den Achtundvierzigern die Jakobiner des 19. Jahrhunderts, deren "blutgetränkten Freiheitsträume" nichts mit amerikanischen Vorstellungen von geordneter Freiheit zu tun hatten.

Auch kulturell lagen zwischen den deutschen Immigranten und den alteingesessenen Amerikanern Welten. In der Propaganda der fremdenfeindlichen Nativisten erschienen die Achtundvierziger als langhaarige, gottlose Trunkenbolde, die dem Christentum den Krieg erklärt hatten. Statt in die Kirche zu gehen, zog es die Deutschen an den Wochenenden in ihre Turnvereine und Bierhallen, wo der Alkohol in Strömen floss. Sogar deutsche Frauen und Jugendliche, wurde gemunkelt, betranken sich im Beisein der Männer hemmungslos - für die angelsächsischen Protestanten, die damals gerade für die Prohibition warben, ein Skandal. In den Hochburgen der deutschen Einwanderung war die Stimmung besonders aufgeheizt. Zusammenstöße zwischen bewaffneten Nativisten und Immigrantenmilizen waren an der Tagesordnung. Den blutigen Höhepunkt bildete eine Straßenschlacht in Cincinnati im April 1855 nach einer umstrittenen Bürgermeisterwahl. Bis zu zwölf Menschen kamen dabei ums Leben.

Gelungene Einwanderung kommt ohne den Begriff einer "Leitkultur" aus

So grotesk der Vorwurf, dass die Revolutionsflüchtlinge von 1848 integrationsunfähig waren, auch erscheinen mag, in einem Punkt traf er zu: die Achtundvierziger dachten nicht im Traum daran, in der Leitkultur der "Wasps" (White Anglo-Saxon Protestants) aufzugehen. Erstaunlich war die Chuzpe, mit der die Exilanten die Germanisierung Amerikas forderten. In rücksichtsloser Schärfe geißelten sie die Aushöhlung des amerikanischen Freiheitsversprechens, das von "Sklavenbaronen", "Pfaffen" und "Geldbarbaren" in den Schmutz gezogen worden sei. Zum Unmut der älteren Einwanderergeneration, die für den Kulturchauvinismus ihrer Landsleute nicht viel übrighatte, entwarfen die Achtundvierziger in den Schreibstuben wilde Kolonisierungsfantasien. "Wir können hier ein Vorspiel dessen geben, was Deutschland einst als Republik sein wird, und auch der steifste Yankee kann uns daraus keinen Vorwurf machen", verkündete der radikale Autor Gustav Struve in New York. Und konservative Immigranten, welche die Flüchtlinge aufforderten, sich besser zu integrieren, verhöhnte Karl Heinzen mit dem Bonmot "Lieber ein Indianer als ein Deutsch-Amerikaner".

Auch wenn die Vision einer deutschen Republik auf amerikanischem Boden eine Utopie blieb, kämpften die Achtundvierziger bis zum Ende dafür, ihre deutsche Identität nicht preisgeben zu müssen. Und in der Tat - nach anfänglichen Schwierigkeiten schafften es viele, sich zu arrangieren. Ein stolzer Deutscher und guter Amerikaner zu sein, war für sie kein Widerspruch. Man mag die Revolutionsflüchtlinge für bornierte Nationalisten halten; viele Historiker sehen in ihrem Wirken zugleich die Keimzelle eines modernen demokratischen Pluralismus. "Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit," erklärte 2010 der damalige türkische Premierminister Erdoğan in seiner viel kritisierten Kölner Rede. Sind wir bereit, mit unseren ausgewanderten Vorfahren, die diese Position so vehement vertraten, ebenso hart ins Gericht zu gehen?

Vielleicht müssen wir dies gar nicht, wenn wir in der Lage sind, uns von der ahistorischen Vorstellung zu verabschieden, dass gedeihliches Miteinander nur unter den Bedingungen einer nationalen Leitkultur möglich ist. Migranten sind nicht weniger heterogen als die Gesellschaften, in die sie einwandern. Das galt für die deutschen Revolutionäre von 1848, es gilt für die Flüchtlinge aus der arabischen Welt, die im heutigen Deutschland auf Asyl hoffen.

Mischa Honeck, 39, ist promovierter Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Washington DC.