Folgen des Missbrauchskandals Die katholische Krise

Erste Zahlen deuten darauf hin, dass die katholische Kirche mit einer Austrittswelle rechnen muss. Das moralische Desaster könnte zu einem finanziellen Fiasko werden.

Von Wolfgang Jaschensky

Die katholische Kirche steckt in Deutschland schon lange in einer Krise. Die Zahl der Mitglieder in Deutschland ist seit der Wiedervereinigung konstant rückläufig, bundesweit traten durchschnittlich mehr als hunderttausend Katholiken im Jahr aus.

Angesichts der zahlreichen Enthüllungen über sexuellen Missbrauch und körperliche Misshandlungen muss die Kirche nun einen massiven Exodus befürchten. In der Vergangenheit genügten bereits umstrittene Entscheidungen aus dem Vatikan, etwa im Zusammenhang mit den Piusbrüdern, einen Anstieg der Austritte auszulösen.

Wie stark sich der Skandal auf die Zahl der Kirchenaustritte auswirkt, wird sich vermutlich erst Ende des Monats zeigen. In Bayern deuten erste Zahlen aus dem März aber bereits darauf hin, dass die Kirche mit einem dramatischen Anstieg rechnen muss.

Eine Recherche von sueddeutsche.de in den sechs größten Städten des katholisch geprägten Bayerns ergab einen eindeutigen Trend. So traten beispielsweise in Würzburg in den ersten zehn Märztagen 29 Menschen aus der katholischen und evangelischen Kirche aus - fast eine Verdreifachung der Austrittszahlen. In Regensburg ist das Verhältnis zwischen dem gesamten Januar und den ersten zehn Märztagen 48 zu 43. Auch in Nürnberg, Augsburg, Ingolstadt und München bestätigte sich der Trend. Pro Tag sind in diesen Städten im Januar durchschnittlich insgesamt 30 Menschen ausgetreten, bis zum 10. März 59 - also fast doppelt so viele.

Der Vergleich mit den Januarzahlen liegt nahe, da Ende jenen Monats der Missbrauchskandal am Berliner Canisius-Kolleg seinen Anfang nahm. Die Berichte über sexuellen Missbrauch von Kindern an der Jesuitenschule lösten eine Flut an Enthüllungen über die unglaublichen Zustände in katholischen Einrichtungen aus.

Die Sankt-Ansgar-Schule in Hamburg, das Kolleg St. Blasien in Südbaden, das Aloisius-Kolleg in Bonn, das Konvikt St. Albert in Rheinbach, das Internat der Heiligen Familie in Biesdorf: Überall missbrauchten katholische Geistliche das Vertrauen der Kinder, prügelten und vergewaltigten Schutzbefohlene.

Ende Februar erreichte die Missbrauchswelle schließlich Bayern. Im Kloster Ettal wurden erst vereinzelte Fälle von Missbrauch bekannt, dann wagten sich immer mehr Opfer an die Öffentlichkeit. Eine Woche verging, bis auf einer Pressekonferenz ein externer Ermittler erste Ergebnisse seiner Untersuchung präsentierte und das Kloster als "rechtsfreien Raum" beschrieb, in dem "systematische Gewalt und sexueller Missbrauch" gedeihen konnten. Es folgen neue Fälle und Vertuschungsversuche am Maristenkolleg in Mindelheim und schließlich beim weltberühmten Knabenchor der Regensburger Domspatzen.

Seit Anfang März verging kein Tag ohne neue Enthüllungen - und ein Ende ist nicht in Sicht. Da wohl viele Menschen die Entscheidung über einen Austritt nicht über Nacht treffen, könnten die nächsten Wochen noch zu weit höheren Austrittszahlen führen.

Die Kirche verzeichnet durch die Austritte auch massive Ausfälle bei den Kirchensteuereinnahmen. Wenn sich Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) mit ihrer Forderung nach einer Entschädigung der Missbrauchsopfer durchsetzt, dann könnte das moralische Desaster zu einem finanziellen Fiasko für die katholische Kirche werden.

Im Ausland brachten vergleichbare Missbrauchsskandale die Kirche massiv in Bedrängnis. In den USA zahlte die Kirche im Jahr 2006 mehr als 1,5 Milliarden Dollar (1,2 Milliarden Euro) an Missbrauchsopfer. Viele Diözesen gerieten damals an den Rand des Ruins. Sie mussten ihre Ausgaben drastisch reduzieren, schlossen Kirchen und Schulen. Seit 1950 kosteten die Verfehlungen von Priestern die Kirche dort insgesamt mehr als 2,6 Milliarden Dollar (derzeit fast 1,9 Milliarden Euro). In Irland vereinbarte die Regierung 2009 mit kirchlichen Orden einen Entschädigungsfonds von 2,1 Milliarden Euro. Ein Großteil des Geldes brachte die Kirche durch den Verkauf von Gebäuden und Ländereien auf.