Fluchtrouten Mit letzter Kraft

Frauen und Kinder hinterher: Flüchtlinge an der serbisch-mazedonischen Grenze.

(Foto: Milos Bicanski/Getty Images)

Immer mehr Frauen und Kinder sind unter den Flüchtlingen, die sich auf den Weg nach Europa machen. Die Ursachen sind beunruhigend.

Von Thomas Kirchner

Das Bild des zweijährigen Alan Kurdi, dessen Leichnam an die türkische Küste gespült wurde, ging im September um die Welt. Am vergangenen Wochenende hätte man wieder viele solcher Bilder drucken können, nach einer dieser fast täglich vorkommenden Katastrophen, über die kaum noch berichtet wird. 37 Flüchtlinge starben, als sie mit einem Schlauchboot auf die Insel Lesbos gelangen wollten. Unter ihnen waren zehn Kinder.

Dass immer mehr Kinder, auch Babys, unter den Opfern sind, spiegelt eine erstaunliche Entwicklung wider, die das UN-Kinderhilfswerk Unicef mit Zahlen belegen kann. Demnach sind 36 Prozent der Flüchtlinge, die sich auf den Seeweg nach Griechenland begeben, minderjährig. Die Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien überqueren jetzt zu fast 60 Prozent Frauen und Kinder. Im Juni 2015 sah es ganz anders aus. Damals bestand der Flüchtlingsstrom noch zu drei Vierteln aus Männern. Nur jeder Zehnte war ein Kind, inzwischen ist es jeder Dritte.

Langfristig wolle eben niemand ohne seine Familie leben, heißt es bei Unicef

Woran liegt das? Viele syrische Familien hätten zunächst die Männer auf die gefährliche Reise geschickt in der Hoffnung, dass diese dann ihre Frauen und Kinder auf offiziellen Wege nachholen könnten, sagt Melissa Fleming, Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. "Jetzt glauben sie nicht mehr, dass die Familienzusammenführung noch funktionieren wird, sie glauben, dass sie keine andere Chance haben." Die Nachricht, dass wichtige europäische Zielstaaten wie Schweden und Deutschland ihre Asylbedingungen verschärfen, scheint sich herumgesprochen zu haben. Sarah Crowe von Unicef meint, die Lage in den Herkunftsländern, vor allem Syrien, Afghanistan und der Irak, habe sich verschlechtert. "Dass nun die Kinder kommen, zeigt die Verzweiflung, die dort herrscht." Langfristig wolle eben niemand ohne seine Familie leben. Eine Rolle könne auch die Tatsache spielen, dass die Preise der Schlepper im Winter gesunken seien, während das Wetter zumindest Anfang Januar einigermaßen mild blieb.

Die Auswirkungen des höheren Kinderanteils seien enorm, heißt es bei Unicef. Kinder seien verletzlicher und größeren Risiken ausgesetzt, auf dem Meer wie an Land. Entsprechend müssten Infrastruktur und Schutzmechanismen entlang der kompletten Fluchtroute angepasst werden. "Das beginnt mit ganz banalen Dingen wie der Größe von Toiletten oder der Höhe eines Türgriffs", sagt Crowe. Auch brauchten die Kinder Spielmöglichkeiten und Menschen, die sich um sie kümmerten, die ihnen ihre Rechte erklärten. Für Frauen müssten viel mehr getrennte sanitäre Einrichtungen errichtet werden. Unicef-Vertreter sprechen darüber mit Balkan-Staaten, aber auch mit Deutschland. Für dessen Bildungssystem könnte die Entwicklung enorme Folgen haben.

Wobei Unicef es begrüßt, dass nun verstärkt Familien in Europa ankommen. Das sei für beide Seiten ein Gewinn, sagt Crowe, und erleichtere die Integration. Nicht zuletzt könnte manchem Mitteleuropäer auf diese Weise die Sorge genommen werden, dass in seiner Gesellschaft durch die Einreise von lauter jungen Männern die Kriminalität übermäßig steige und das Geschlechterverhältnis aus der Balance gerate. Vor allem in Schweden war dies beklagt worden.