Vor der 52. Sicherheitskonferenz in München Wo bitte bleibt das Rettende?

Illustration: Stefan Dimitrov

Eine Welt voller Krisen, das ist nicht neu: Schon Friedrich Hölderlin verzweifelte an revolutionären Zeiten - und hinterließ ein paar gute Ratschläge.

Von Stefan Kornelius

Lesedauer: 10 Minuten

Hätte es an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert die AfD gegeben, sie hätte reichlich Zulauf erfahren. Eine Jahrhundertwende zieht immer Apokalyptiker und falsche Propheten an. Vor 216 Jahren entfaltete aber nicht nur die Magie des kalendarischen Wechsels ihre Kraft - es waren vor allem die Zeitumstände, die schwer wogen. Die Welt wankte. Die Französische Revolution, die Restauration, die Revolutionskriege, ein aufloderndes Nationalgefühl - der Kontinent befand sich in Aufruhr. Die Gesellschaften fühlten sich geschüttelt vom Fieber der Veränderung. Aufklärung und Säkularisation, der Hauch der neuen Freiheit und die Furcht vor dem Verlust alter Gewissheiten - es waren wahrlich revolutionäre Zeiten.

Friedrich Schiller dichtete in innerer Erregung: "Edler Freund, wo öffnet sich dem Frieden, wo der Freiheit sich ein Zufluchtsort / das Jahrhundert ist im Sturm geschieden, und das neue öffnet sich mit Mord." Auch sein Zeitgenosse und Landsmann Friedrich Hölderlin erlebte unter dem Eindruck der Epochenwende seine dichterische Blüte - aber auch seinen Niedergang. Manche meinen, Hölderlin erlag dem Wahnsinn, weil er den Eindrücken der Zeit nicht mehr standhalten konnte. Aber er versuchte, die Revolution in seinen Zeilen zu bändigen, etwa 1803 im Hymnus Patmos, der Geschichtsphilosophie, Theologie und Politik zu einem großen Erklärepos verdichtet.

Hölderlin bemühte sich um eine Versöhnung zwischen den plötzlich aufplatzenden Gegensätzen von Aufklärung und Religion, er packt sein Toleranzideal und die Mythologie der Klassik hinein in ein universalistisches Gedankengebäude und lässt all das auf der Insel Patmos im Ägäischen Meer spielen - der Insel, auf der Johannes seine Apokalypse verfasst haben soll, die Offenbarung. Eine neue Erde und ein neuer Himmel für eine neue Zeit - ein großer Anspruch.

"Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch": Hölderlins Gebrauchsanweisung für Zeiten der Unsicherheit taugt selbst heute noch

"Nah ist und schwer zu fassen der Gott / Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch" - vier Zeilen aus Patmos als Zusammenfassung einer Revolutionsgeschichte, eine Erlösungsformel für schwere Zeiten. Ist es verwunderlich, dass sie jetzt immer wieder hervorgekramt werden in einem Moment, der sich ähnlich epochal anfühlt, in dem die Unsicherheiten wachsen und nicht die Gewissheiten?

Hölderlin ist ein guter Lehrmeister, auch wenn sich seine komplexe Dichtung heute nicht so leicht erschließt. Aber er gibt ein Beispiel ab für ein waches Leben im Epochenumbruch. Er wollte erkennen und verstehen, er durchlebte Phasen von Euphorie, Zweifel und gar Angst, so wie heute nicht wenige Menschen verzweifeln und Widerstand entwickeln gegen die großen Triebkräfte dieser Zeit. Am Ende spürte Hölderlin, was viele politische Menschen und offenbar besonders die Deutschen immer wieder zerreißt: den Zwiespalt zwischen Idealismus und Realismus. Bei Hölderlin traf dieser ständige Wunsch nach Versöhnung von Alt und Neu auf die kühle Klinge der Revolution. Wunsch und Wirklichkeit, diese Urtiere des Politischen, haben die Gesellschaft seitdem immer wieder gepackt, auch heute, wo sich das Land über die Flüchtlinge zerreißt oder den Krieg in Syrien.

Der politische Hölderlin erlebte eine Achterbahnfahrt durch bewegte Zeiten. Am Anfang hofft er als pietistischer Christ auf Erlösung durch Gottes Gnade. Dann, kurz vor dem französischen Revolutionstermin, benutzt er seinen wachen Geist, kritisiert die Paläste und die Höflinge, entdeckt die innere Freiheit. In der Hymne der Freiheit schreibt er von der "neuen Schöpfungsstunde", dem "freien, kommenden Jahrhundert".

Doch wo Euphorie lodert, rußt auch bald der Zweifel. Die Revolution verläuft nicht so wie erwünscht. Die Repression, die Gewalt der Jakobiner in Frankreich lassen Hölderlin innehalten. Er möchte seine idealisierten Vorstellungen von Harmonie bewahren. Aber die Direktorialzeit in Paris mahnt zur Wachsamkeit. Die Ereignisse überschlagen sich - und reißen ihn hinweg. Am 10. Januar 1797 schreibt er an seinen Freund, den Arzt Johann Gottfried Ebel: "Man kann wohl mit Gewissheit sagen, dass die Welt noch nie so bunt aussah wie jetzt . . . Altes und Neues! Kultur und Rohheit! Bosheit und Leidenschaft! Egoismus im Schafpelz, Egoismus in der Wolfshaut! . . . Ich glaube an eine künftige Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten, die alles Bisherige schamrot werden lässt."

Diese Hoffnung auf revolutionäre Entladung begleitet Hölderlin ins neue Jahrhundert, wo er seine Texte mehr und mehr mit patriotischen Tönen würzt. Der Nationalstaat als Erlösung! Aber die Dilemmata der Welt wollen so schnell nicht vergehen. Und der unruhige Geist beginnt an der Unentschlossenheit der Geschichte zu verzweifeln. Sein Gemütszustand vernebelt sich, die Gendarmen des alten Systems zerren an ihm und seinen Freunden. Es folgen: Haft und noch mehr Verwirrung. Dann kommt es zum Zusammenbruch und zur Einweisung in die Autenriethsche Klinik. Noch im Wahn kehrt Hölderlin 1807 nach Tübingen zurück, in die Obhut eines Tischlermeisters, wo er noch 36 Jahre lang, meist umnachtet, lebt.

Das Rettende - für Hölderlin war es vermutlich die liebevolle Pflege des gebildeten Handwerkers Ernst Friedrich Zimmer und die Abkehr vom Politischen. Aber das ist nicht die ehrliche Antwort auf Patmos und die Frage, wie genau man sich das Rettende vorzustellen habe.

Wenn man die Verschreibungen Hölderlins für unruhige Zeiten anwenden will, dann muss man erst einmal eine Diagnose anstellen: Was also sind heute die Brüche, die das Gefühl von Unsicherheit schaffen? Da ist vor allem der Ordnungsrahmen, der gewaltig knirscht, der Verlust der vermeintlichen Sicherheit nach Ende des bipolaren Zeitalters. Russland leidet unter Phantomschmerzen und wird zum schwer berechenbaren Akteur. Die USA ziehen sich zurück von der Welt. Das Vakuum aber füllt sich schnell wieder. Der globale Kräfteausgleich funktioniert nach dem Prinzip kommunizierender Röhren: Wer weicht, wird ersetzt.

An die Stelle der bipolaren Welt ist also die multipolare getreten, oder vielleicht bereits: die non-polare. "No one's world" nannte der amerikanische Historiker Charles Kupchan sein Buch vor drei Jahren. Kupchan sitzt inzwischen im Weißen Haus und verantwortet den europäischen Teil der US-Außenpolitik. Seine Diagnose aber stimmt noch immer: Erst übertrumpft der Westen den Rest der Welt, dann erfährt dieser Rest einen gewaltigen Aufstieg, nun beginnt der Wettlauf der Systeme.

Vor allem zwei Faktoren bestimmen den Wettlauf: Globalisierung und Digitalisierung. Beide bedingen sich geradezu. Keine Globalisierung ohne Digitalisierung, keine Digitalisierung ohne Globalisierung. Hier entfalten sich große Kräfte. Sie verändern die Idee von Arbeit, Tempo, Privatheit und Kommunikation.

Das hat Folgen: Alles betrifft unmittelbar alle. Die Quing Dynastie oder das Heilige Römische Reich regelten ihre Geschäfte in einem geschlossenen Herrschaftsbereich. Heute sind die Systeme verwoben. Griechische Reeder müssen sich um die freie Seefahrt im Südchinesischen Meer genauso sorgen wie chinesische Investoren um die Privatisierung der griechischen Häfen.

Aber die Sache reicht weiter: Das Wissen über Erfolge und Verfehlungen dieser Systeme ist überall verfügbar. Es bleibt nicht Herrschaftswissen in Staatskanzleien. Digitalisierung und Globalisierung haben sich die gesamte Menschheit zum Publikum genommen - eine ziemlich große Geiselgesellschaft mit hohem Erregungspotenzial.

Andere Triebkräfte kommen hinzu. Etwa die Demografie, die Frage, wo genau wie viele Menschen leben. Dort, wo immer weniger wohnen - Japan, Russland, aber bald auch in Westeuropa - wird die Leistungsfähigkeit und Resilienz einer Gemeinschaft auf die Probe gestellt. Zweitens: Energie, Klima, Versorgung - etwa mit Wasser. Es geht um die Bedingungen des Lebens, um Luft, Ernährung und Wachstum. Drittens und unmittelbar davon abhängig: die ökonomische Ordnung. Wachsende Ungleichheit, die Kluft zwischen Arm und Reich, werden sich zu einem Menschheitsproblem verdichten. Und schließlich die nicht weniger komplizierte Suche nach der idealen politischen Ordnung, besonders in Europa, wo die Europäische Union die Idee der Nationalstaaten infrage stellt.

Globalisierung und Digitalisierung haben viele Gewissheiten zerstört, aber der demokratische Staat ist nicht machtlos

Wer dieses Raster überträgt auf das Jahr 2016, erhält einen frustrierenden Katalog der Katastrophen. China, das für 34 Prozent des weltweiten Wachstums verantwortlich war, befindet sich im ökonomischen Sinkflug. Der Barrel Öl zu 100 Dollar, lebensnotwendig für viele Volkswirtschaften, ist nur noch um die 30 Dollar wert. Religiöse Fundamentalisten und gewaltgeifernde Nihilisten haben weite Regionen mit Krieg und Unterdrückung überzogen. Jetzt exportieren sie ihre Zerstörungswut in liberale und demokratische Systeme. Dort wächst der Gegendruck der Politik und einer radikalisierten Öffentlichkeit, die sich das Unheil vom Leib halten will - das in Form von Terror oder Flüchtlingen wahrgenommen wird. Die kollektive Erregung vernebelt den Verstand. Grüßt da etwa Hölderlin?

Am Ende steht das Dilemma, das auch schon der Dichter kannte: Wie lassen sich Idealismus und Realismus in Einklang halten? Wie soll man die Umbrüche bewältigen, ohne in Verzweiflung zu verfallen? Was also tun?

Hölderlins Patmos-Hymnus wird auch als eine Theodizee-Formel verstanden, als Versuch, das Unerklärbare zu erklären: Wieso kann ein gerechter Gott dieses Leid zulassen, wenn er doch allmächtig ist? Hölderlin hält die Antwort im Hymnus parat: Alles wird gut. Das ist die Hoffnungsformel für das Unerklärbare, weil ein gerechter Gott am Ende dafür sorgt.

Aber funktioniert dieses Heilsversprechen auch 200 Jahre später? Die säkulare Welt lässt sich von Gott nicht mehr viel sagen, die Antwort kann die Theologie allein nicht liefern. Zwei Erkenntnisse Hölderlins bleiben dennoch wichtig für den Umgang mit Krisen. Erstens: Geschichte ist ein dynamischer Prozess. Davon erzählt Patmos. Zeiten der Ruhe und der Einheit wechseln mit Zeiten der Unruhe und Zwietracht ab. Für heute heißt das: Krisen kann man aushalten, sie werden überwunden, eine Gesellschaft ist auch stark. Hölderlins zweite Lehre: Denkt antithetisch. Wenn alle jubeln, sollte man kritisch bleiben. Verzagen alle, muss man Optimismus zeigen.

Grund für Optimismus gibt es wohl: Heute ist die Welt um viele Erfahrungen reicher als zu Hölderlins Zeiten. Die hoch entwickelten Demokratien haben sich auf einen attraktiven Werte-Mix verständigt: Freiheit, Liberalität, Pluralismus, Meinungsvielfalt, ein System zum Ausgleich sozialer Unwucht - etwa Besseres hat bisher keiner erfunden. Diese Demokratien haben Institutionen; es gibt funktionierende Bündnisse; Recht und Ordnung sind keine abstrakten Hülsen der politischen Theorie, sondern kräftige Pfeiler der Demokratie.

Idealismus oder Realismus: Hölderlin trug diesen Urkonflikt vor gut 200 Jahren aus, der auch heute viele verzagen lässt. Schaffen wir das? Muss das nicht alles in eine Katastrophe münden? Die Antwort geben keine höheren Mächte, sondern im Guten wie im Schlechten ganz irdische Kräfte. Hölderlin hat eine Denkhilfe hinterlassen, in seiner Übersetzung einer Sophokles-Zeile: "Ungeheuer ist viel. Doch nichts / Ungeheurer als der Mensch."

Erschienen in der SZ vom 10.2.2016