Ermittlungen zur Terrorzelle NSU Alte Bekannte

Die Ermittler der Sondereinheit "Trio" bekommen in alten Akten des Verfassungsschutzes aus den Jahren 1998 bis 2003 spannenden Stoff zu lesen: Fortwährend tauchen Figuren auf, die bei den aktuellen Ermittlungen im Fall der Zwickauer Terrorzelle eine ganz wichtige Rolle spielen.

Von Christiane Kohl und Hans Leyendecker

Alte Akten sind meist öde, normalerweise mögen Ermittler keine alten Akten. Sie machen nur Arbeit - und der Ertrag ist meist gering. Seit ein paar Wochen wühlen sich Spezialisten der Ermittlungseinheit "Trio" aber durch Akten des Thüringischen Landesamtes für Verfassungsschutz, vorzugsweise aus den Jahren 1998 bis 2003. Was sie lesen, ist spannender Stoff. Fortwährend tauchen Figuren auf, die bei den aktuellen Ermittlungen im Fall der Zwickauer Terrorzelle eine ganz wichtige Rolle spielen.

Einige von ihnen, darunter jener Holger G., für den sich der Verfassungsschutz damals brennend interessierte, sitzen nun in Untersuchungshaft. G. soll die Bande, die zehn Menschen ermordete, unterstützt haben. Viele der Akteure in den Akten haben zu irgendeinem Zeitpunkt etwas mit der NPD zu tun gehabt.

In den Akten, die von der "BAO-Trio" zu frischen Vermerken zusammengefasst werden, taucht auch der frühere NPD-Justiziar Günter Eisenecker auf. Der 2003 verstorbene Anwalt, der stellvertretender Vorsitzender der Bundes-NPD war, vertrat anwaltlich die 1998 untergetauchte Terroristin Beate Zschäpe. Er hatte eine Vollmacht von ihr bekommen.

Immer wieder taucht auch der Name "Thorsten Heise" auf, der als militanter Neonazi gilt. 2004 trat er der Partei bei und wurde gleich in den Bundesvorstand gewählt. Holger G. soll, so die Akten, von einem anderen NPD-Mann den Auftrag bekommen haben, Kontakt mit Heise aufzunehmen, "um an dessen Auslandskontakte zu kommen". Das Trio wolle sich vielleicht absetzen. "Alles muss über Heise laufen", steht da. Der will von nichts gewusst haben. Etwas später findet sich in den Akten der Hinweis, dass ein Mann, der damals führendes Mitglied der Jungen Nationaldemokraten war, jetzt "Telefonkontakt" zu den drei Untergetauchten habe. Man solle aber davon "nur noch im Notfall Gebrauch machen".

Zentrale Figur ist in den alten Akten der frühere Thüringer NPD-Landesvorsitzende Ralf Wohlleben. Auch er sitzt in Untersuchungshaft, weil er den Killern eine Waffe und Munition verschafft haben soll. Nachrichtendienstler vermerkten, Wohlleben habe angeblich "unmittelbaren Zugang" und sei die "Kontaktperson" zu den drei Gesuchten: "Funktionstyp Logistiker", der sich auch ums Geld für die Flucht kümmere.

Was Wohlleben wo auch immer anordnete, angeblich oder tatsächlich gesagt hat, fand sich in amtlichen Vermerken wider, etwa im März 1999: "Wohlleben erfreut über schnelle Spende (500 Mark)". Die drei bräuchten "dringend Geld". Und eine Notiz aus dem April 2001: Wohlleben habe Spenden abgelehnt, weil die drei kein Geld mehr brauchten. Sie hätten "in der Zwischenzeit" viele "Sachen/Aktionen" gemacht hätten, was die "Gesprächspartner nicht wissen dürften": Mundlos und Böhnhardt hatten im April 2001 schon drei Banken überfallen und mehr als 100.000 Euro erbeutet. Später gibt es eine Notiz: "Neue Unterbringungsmöglichkeit im Ausland diskutiert. Böhnhardt und Mundlos wollten, Zschäpe wolle nicht ins Ausland. Sie habe erklärt, sie werde sich der Polizei stellen, wenn die beiden weg seien. Alle bleiben.

Eine undurchsichtige Rolle spielte auch Tino Brandt, der damals stellvertretender Landesvorsitzender der NPD war und seit 1994 als Spitzel für den Verfassungsschutz dazuverdiente. Wohlleben, der sich zeitweise "observiert und verwanzt fühlt", bat, so die Vermerke, den Kameraden Brandt, ihm die Nummer einer Coburger Telefonzelle zu übermitteln, in der dieser von den Untergetauchten angerufen werden könne. Brandt telefonierte dann im Februar 2009 mit einem der drei Gesuchten. Mit "hoher Wahrscheinlichkeit Böhnhardt" (Vermerk). Auch findet sich der Hinweis, dass V-Mann Brandt für die Untergetauchten gespendet habe. Woher stammte das Geld? Brandt kann sich angeblich nicht mehr erinnern. Es könnte sein, dass Leute ihm damals für die Drei Geld in die Hand gedrückt hätten, erzählte er Vertrauten. Es könne auch sein, dass der "Dienst" das Geld gezahlt habe. In diesem Fall scheint vieles möglich und selbst wichtige Akteure blicken nicht mehr durch.

Die Lektüre der alten Akten ist natürlich nur ein Teil der riesigen Ermittlungsarbeit der Bundesanwaltschaft und der Ermittlungseinheit "Trio". Vier Terrabytes an Daten müssen noch ausgewertet werden, und jeder Fund wirft neue Fragen auf. Warum befinden auf einem der sichergestellten Computer Filmaufnahmen eines Gedenkmarsches in Skandinavien im Jahr 2005? War einer der drei vor Ort? Etwa in einem halben Jahr, meinen die Ermittler, würden sie klarer sehen.

Auf Wohllebens Aussagebereitschaft sollten sie nicht setzen. Er wird vertreten von der Anwältin Nicole Schneiders aus Rastatt, die in Jena studiert hat und dort im Kreisverband der NPD war. Später ist sie wieder ausgetreten. In der Kanzlei arbeitet auch der Anwalt Steffen Hammer, der Sänger der früheren Neonazi-Band Noie Werte war. Die Terroristen hatten ihre "Vorläufer"-Videos mit Musik dieser Naziband unterlegt.

Alles hängt mit allem irgendwie zusammen. NPD-Heise hat sich von den Terroristen auf sehr eigene Weise distanziert: Es sei "vollkommen abnorm zu denken, man könnte am Ausländerproblem etwas lösen, wenn man kleine Geschäftsleute umbringt", hat er einem Reporter von Spiegel-TV gesagt. Dabei wisse "jeder in der nationalen Szene, dass das die falsche Adresse ist, um seinen Ausländerhass abzuladen".