Documenta Tempel der verbotenen Bücher

Die argentinische Künstlerin Marta Minujín baut in Kassel den Athener Parthenon nach. Entstehen soll ein Tempel, der mit einst oder heutzutage verbotenen Schriftstücken aus aller Welt behängt ist.

Von Susanne Höll

Erst im Juli wird die Kunstausstellung Documenta 14 in Kassel eröffnet. Doch schon jetzt zeichnet sich ab, dass vor allem ein Exponat zum Publikumsmagnet werden dürfte: Der Bücher-Tempel der argentinischen Künstlerin Marta Minujín, ein Nachbau des Athener Parthenons, über und über behängt mit einst oder heutzutage verbotenen Schriftstücken aus aller Welt. Mitten auf dem Friedrichsplatz hatten die Nazis im Mai 1933 Werke von ihnen missliebigen Autoren ins Feuer geworfen, hier wird der Tempel stehen. Nun bitten die Documenta-Organisatoren weltweit um Bücherspenden. Etwa 100 000 Bände werden benötigt. Einige Hundert sind schon eingetroffen. Anfang 2017 wird ausgewählt, ganz einfach wird das nicht sein.

Pornografische Veröffentlichungen aus der aktuellen deutschen Liste jugendgefährdender Schriften sollen und dürfen nicht präsentiert werden. Auch keine NS-Machwerke oder militant-islamistische Hetze. Jedes Buch wird angeschaut, die Spender sind gebeten, Inhalt und Verbotsgrund des Werkes zu beschreiben.

Bei manchen Büchern ist das kein Problem. Dass alle Schriften der Familie Mann in der NS-Zeit verboten waren, ist bekannt. In den Spendenkörben liegen Werke der Brüder Thomas und Heinrich. Kein Wunder. In deutschen Billy-Regalen finden sich heutzutage etliche "Zauberberge" und "Felix Krulls", selbsterstandene, erheiratete oder geerbte.

Die Märchen der Brüder Grimm wurden bisher nicht abgegeben. Dabei standen auch sie einmal auf dem Index. In der Nachkriegszeit hatten Amerikaner, Briten und Franzosen sie in ihren Besatzungszonen verboten: Warum ausgerechnet die Grimms?

Die Antwort weiß Nikola Roßberg, Literaturprofessorin an der Universität Kassel, die mit einem Kollegen und knapp zwei Dutzend Studenten versucht, parallel zum Bücher-Parthenon die bislang längste, wissenschaftlich erarbeitete Liste weltweit verbotener Bücher zu erstellen. Die westlichen Siegermächte hätten Grimms Märchen auf den Literatur-Empfehlungslisten der Nazis entdeckt und sie deshalb geächtet, sagt die Professorin.

Roßbach und ihr Team sind an der Auswahl der Bücher für den Tempel beteiligt. Die endgültige Entscheidung liegt jedoch bei der Künstlerin. Minujin hatte nach dem Sturz der argentinischen Militär-Regierung in ihrer Heimat 1983 einen solchen Parthenon mit dem von der Junta verbotenen Schrifttum errichtet. Damals war sogar der "Kleine Prinz" von Antoine Saint-Exupery unter den Exponaten. Die Angst der Herrscher vor Gedrucktem aller Art war groß und ist es vielerorts immer noch.

Zwei Bücher in ihrer Heimat staatlich geächteter chinesischer Schriftsteller finden sich in den Kasseler Spendenkisten, etliches fehlt noch. Korane und Bibel, die in Nordkorea und anderswo strikt verboten sind, verfemte Bücher aus afrikanischen Diktaturen wie etwa Simbabwe. Der Lage in der Türkei, wo insbesondere Titel kurdischer Autoren nicht erscheinen dürfen, wollen sich die Tempelbauer erklärtermaßen alsbald intensiver widmen. Ein Zwischenfazit zieht Professorin Roßbach schon jetzt: "Die Geschichte der verbotenen Bücher ist fast die Geschichte der Literatur."