Die Türkei und Iran Güls riskante Handelsfahrt

Der Westen will Iran wirtschaftlich in die Knie zwingen - die Türkei hält davon nichts. Präsident Gül reist mit Wirtschaftsvertretern nach Teheran, um die Geschäfte mit Iran zu verdreifachen.

Von K. Strittmatter

Der Westen will den Iran wirtschaftlich in die Knie zwingen? Es ist kein Geheimnis, dass die Türkei davon nichts hält. Ankara befolgt die UN-Sanktionen, die Iran zu Zugeständnissen bei seinem Atomprogramm zwingen sollen, fühlt sich aber nicht gebunden an die darüber hinaus von den USA und EU-Staaten einseitig verhängten Strafen. Im Gegenteil. Die Türkei will die Wirtschaftsbeziehungen mit Iran kräftig ausbauen. Das ist das erklärte Ziel der Reise nach Teheran, die der türkische Präsident Abdullah Gül am Sonntag angetreten hat. Im Gefolge hat er Außenminister Ahmet Davutoglu und mehr als 100 türkische Geschäftsleute. Das Handelsvolumen zwischen den beiden Ländern soll sich binnen fünf Jahren von zuletzt zehn Milliarden US-Dollar pro Jahr auf 30 Milliarden Dollar verdreifachen.

Der türkische Präsident Abdullah Gül (links) trifft den iranischen Außenminister Ali-Akbar Salehi (rechts) in Tehran.

(Foto: dpa)

Der Plan ist ehrgeizig. Und riskant dazu. Ankara riskiert wieder einmal, von westlichen Partnern als unzuverlässiger Verbündeter und Boykottbrecher gesehen zu werden. Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden Nachbarn gab es immer. Die Türkei ist schon seit langem angewiesen auf iranisches Erdgas, nur Russland liefert mehr. Neu allerdings ist das Ausmaß des Handels: Die Türkei ist dabei, Dubai als Zentrum iranischer Außenhandelsaktivitäten abzulösen. "Der Besuch wird wieder als Zeichen einer ideologisch motivierten Achsenverschiebung interpretiert werden", warnt der Politologe Bayram Sinkaya vom Center for Middle Eastern Strategic Studies in Ankara, "dabei ist die türkische Iranpolitik in Wirklichkeit eine pragmatische."

Tatsächlich ist das Misstrauen groß seit dem vergangenen Sommer, als die Türkei zur Verärgerung des Westens im UN-Sicherheitsrat "Nein" sagte zu weiteren Iran-Sanktionen. Seither kursiert im Westen der Topos der islamischen Verbrüderung zwischen den gläubigen Muslimen an der türkischen Staatsspitze und dem Regime von Mahmud Ahmadinedschad. Der Vorwurf hat mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun und wird zudem widerlegt von durch Wikileaks öffentlich gemachte US-Depeschen, die eine über Teherans geheimes Atomprogramm hoch besorgte türkische Regierung zeigen ("Alarmglocken läuten"). Hinter öffentlichen Freundschaftsschwüren herrscht traditionell Misstrauen zwischen sunnitischen Türken und schiitischen Persern.

Es ist bloß so: "Ankara ist überzeugt, dass Wirtschaftssanktionen niemals funktionieren", sagt der Türkeiexperte Ömer Taspinar von der Denkfabrik Brookings Institution. Ankara habe Angst, dass Sanktionen die Hardliner im Regime stärkten und den Weg zur iranischen Bombe beschleunigten. Taspinar erklärt die türkische Politik mit zwei simplen Zielen: Ankara wolle um jeden Preis einen zweiten Irak verhindern, wo auf Sanktionen schließlich Krieg gefolgt sei. Zudem wolle die Türkei Irans Einfluss eindämmen. Mehr als Partner sind die Türkei und Iran nämlich Konkurrenten, die um Einfluss ringen in einer sich neu formierenden Region.

Türkische Diplomaten sagen, sie versuchten im Atomstreit bei Gesprächen in Teheran stets die Botschaften des Westens zu übermitteln. Allerdings hat die türkische Politik des Dialogs und der Einbeziehung Teherans keine Resultate geliefert. Die meisten Türken lehnen die Sanktionspolitik des Westens ab. Das hält aber einige nicht davon ab, Kritik am Kurs der Regierung Tayyip Erdogan zu üben. Als der Premier sich während der ägyptischen Revolution mit mutiger Diktatoren-Kritik hervortat, da fragten viele, warum er solch klare Worte Ahmadinedschad gegenüber nicht wage. Und der Politologe Tarik Oguzlu schrieb diese Woche in der regierungsnahen Today's Zaman, statt ständig ihre neu entdeckte Unabhängigkeit zu beweisen, täte die Regierung klug daran, ihre Nahostpolitik mit der Europäischen Union abzustimmen: "Das würde auch die Türkei-Skeptiker verstummen lassen."