Die Idee ethnisch "reiner" Staaten Vertreibung als europäische Jahrhundertfrage

Erst die Vertreibung der türkischen Griechen, dann die Deportationen der Nazis, als Vergeltung die Umsiedlung Millionen Deutscher und zuletzt die "ethnischen Säuberungen" in Jugoslawien. Alles nur Glieder in einer langen Reihe von Ordnungsaktionen, mit denen im 20. Jahrhundert die "Vermischung von Völkern" behoben werden sollte. Drei Bücher zeigen, wie sich die Staaten dabei gegenseitig inspirierten.

Von Klaus Brill

Winston Churchill wollte "reinen Tisch" machen. Im Dezember 1944 hielt der britische Kriegspremier im Unterhaus eine Rede, in der er unverblümt "die vollständige Vertreibung" von Millionen Deutschen aus dem Gebiet ankündigte, das nach dem Ende des Hitler-Regimes dem wieder zu errichtenden Staat Polen zufallen sollte. Diese zwangsweise Umsiedlung werde "am zufriedenstellendsten und am dauerhaftesten" die dort gegebenen Probleme lösen.

"Es wird keine Vermischung von Völkern mehr geben, die endlose Querelen verursacht, wie es etwa in Elsass-Lothringen der Fall war", sagte Churchill. Er bilanzierte damit Überlegungen, die im Foreign Office schon seit 1940, also kurz nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, angestellt worden waren. Man sah in London den Transfer ganzer Volksgruppen, so die Ausweisung der drei Millionen Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei, als "Beitrag zum Frieden". In den Regierungen der USA und der Sowjetunion dachte man ähnlich.

Deshalb waren sich die drei Großmächte auf der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 rasch einig darüber, dass die Westverschiebung Polens und die Neufestlegung der Grenzen in Mitteleuropa mit der Umsiedlung von zehn bis zwölf Millionen Deutschen oder Deutschstämmigen einhergehen sollte. Für Polen wie für die Tschechoslowakei versprach man sich von einem "ethnisch gereinigten Nationalstaat" ein friedliches Nachkriegseuropa, wie der Historiker Mathias Beer schreibt.

Das Beispiel Griechenland-Türkei

Churchill hatte dabei ebenso wie Roosevelt und Stalin ein Beispiel vor Augen, das die Vertreibung wahrhaft als europäische Jahrhundertfrage erscheinen lässt. 1923 hatten Griechenland und die Türkei in Lausanne nach einem kurzen Krieg eine Konvention geschlossen, die die gewaltsame Aussiedlung von rund 1,2 Millionen Griechen und 400.000 Türken legalisierte.

Diese Gruppen hatten zuvor als Minderheiten im jeweils anderen Staat gelebt, nun wurde mit dem Beistand der europäischen Großmächte und des neu gegründeten Völkerbundes die Bevölkerung ausgetauscht. Heutzutage nennt man dies eine "ethnische Säuberung", zuletzt praktiziert im Jugoslawienkrieg vor eineinhalb Jahrzehnten.

Vertreibung im größeren Zusammenhang

Blickt man vor diesem Hintergrund auf die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, so ergeben sich größere Zusammenhänge als nur die Fixierung auf einzelne Politiker wie den tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Benes, der freilich mit Churchill über die Aussiedlungspläne korrespondierte.

Mathias Beer, Zeithistoriker am Institut für Donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen, ist konsequent um die Beachtung solcher größeren Zusammenhänge bemüht und weist zum Beispiel auch auf die Umsiedlungsaktionen und Deportationen der Nazis hin. Deren Kriege und Verbrechen waren schließlich der Anstoß für die folgenden Vergeltungsmaßnahmen.

Beer legt präzise und unvoreingenommen das komplexe Bündel von Ereignissen und Prozessen dar, das gewöhnlich unter dem Schlagwort "Vertreibung" zusammengefasst wird. Seine Studie ist gut lesbar, auch für Einsteiger, die ohne familiären Bezug einfach einen Überblick über dieses wichtige und heute immer stärker beachtete Kapitel der Nachkriegsgeschichte gewinnen möchten.