Deutschland Der Minister und der Wolf

Schützen oder erlegen? Die Regierung streitet über die Tiere.

Von Michael Bauchmüller

Die beiden Welpen waren einfach nur neugierig. Als zwei Jagdmeister vorige Woche im sächsischen Lohsa das Unterholz lichten wollten, da tauchten sie plötzlich auf: zwei zutrauliche Wolfswelpen. Am Ende verschwanden sie ganz friedlich, als Beute nahmen sie einen Arbeitshelm mit. So was kommt vor in der Oberlausitz, gut 20 Jahre nach der großen Sensation: Damals war dort erstmals seit der Ausrottung des Wolfes wieder ein Tier in freier Wildbahn entdeckt worden, es war aus Polen eingewandert. Mittlerweile gibt es alleine in Sachsen 14 Wolfsrudel.

Doch wo der Wolf auftaucht, ist die Angst nicht fern. Vor allem Landwirten ist seine Ausbreitung nicht geheuer. 2015 rissen Wölfe hierzulande 700 Tiere, meist Schafe und Ziegen. So groß ist der Unmut der Bauern, dass sich unlängst Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) zu einem Brief nach Brüssel genötigt sah. Er bitte "nachdrücklich", schrieb Schmidt an Umweltkommissar Karmenu Vella, "den strengen Schutzstatus der in Deutschland lebenden Wolfspopulationen zu überprüfen". In der Naturschutz-Richtlinie der EU müssten sie in Kategorie fünf statt vier eingestuft werden.

Damit kämen die Wölfe von der Schutz- auf die Abschussliste. Während sie in Kategorie vier als "streng zu schützende" Tieren gelistet werden, erlaubt Nummer fünf die "Entnahme" aus der Natur. Wölfe dürfen dann "Gegenstand von Verwaltungsmaßnahmen" werden - zumindest in Beständen, die das verkraften.

Seit Wochen wogt eine Welle gegen den Wolf. Am Montag demonstrierten 300 Bauern aus dem Alpenraum in München, weil sie die Ausbreitung des Tieres fürchten. Im September brannten in betroffenen Regionen "Mahnfeuer", in Niedersachsen ist der Wolf längst Wahlkampfthema. Dort tritt die CDU mit dem Versprechen eines "restriktiven Umgangs mit Wölfen" an. Von der Freude, bei allem Artenschwund endlich mal wieder eine ausgerottete Art begrüßen zu dürfen, scheint nicht mehr viel übrig zu sein.

"Natürlich ist das ein sehr emotionales Thema", sagt Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne). Allerdings lasse sich das Problem in den Griff bekommen - durch bessere Zäune. "Die wenigsten Probleme haben wir dort, wo sich die Landwirte auf den Wolf eingestellt haben." Von bundesweit 41 Rudeln leben zehn in seinem Bundesland. Wird ein Tier gerissen, ersetzt das Land den Schaden. Für Wanderhirten erwägt Wenzel Hütehilfen. Sie sollen helfen, sichere Zäune aufzustellen. "Wir müssen lernen, mit dem Wolf zu leben", sagt er.

Das sehen Teile der scheidenden Bundesregierung genauso. Dieser Tage wandte sich auch Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth an die Kommission - um Schmidts Brief wieder einzufangen: Dieser stelle nicht die Haltung Berlins dar, Schmidt sei gar nicht zuständig. Im Übrigen setze man auf "ausreichenden und zugleich den Weidetierhaltern zumutbaren Herdenschutz". Sollte ein Wolf Menschen gefährden, sei schon nach geltender Rechtslage seine Tötung möglich.

Tatsächlich aber ist es umgekehrt, der Mensch ist die größere Gefahr für den Wolf - allerdings nicht mit der Büchse, sondern mit dem Auto. Von den 34 Wölfen, die 2017 gestorben sind, wurden 24 überfahren.