Geheimer Krieg Grenzwertige Dual-Use-Forschung

Im universitären Raum wird durchaus Grundsatzkritik laut an der Verbindung von US-Militärgeldern und deutscher Wissenschaft: "Forschen für den Krieg ist ethisch nicht verantwortbar", sagt etwa Reiner Braun von der rüstungskritischen Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW). Doch was genau ist Forschung für den Krieg - und was nicht? Wurde nicht die Erfindung von Computern oder Konservendosen maßgeblich durch die Militärforschung vorangetrieben? Viele der vom Pentagon geförderten Vorhaben bewegen sich im Graubereich oder wie es im Fachjargon heißt: im Dual-Use-Bereich. Das bedeutet: Die Ergebnisse der Studien können sowohl militärisch als auch zivil genutzt werden.

Armeen benötigen zum Beispiel auch gute Motoren, sichere Flugzeuge oder verlässliche Navigationsgeräte. All das kann im Krieg wichtig sein - und die Forschung daran deshalb interessant für das Militär.

Die Schwierigkeiten, Militärisches und Ziviles voneinander abzugrenzen, helfen den chronisch klammen Unis, sich herauszureden: Wenn fast alle Forschung auch für den Krieg verwendet werden kann, trifft ja der Vorwurf kaum noch, man betreibe kriegsrelevante Forschung - weil doch fast alles darunter fällt. Reiner Braun sieht das anders: "Auch Dual-Use-Forschung ist zumindest eine Teilforschung fürs Töten und für Krieg - und damit abzulehnen."

Konkrete Wissenschaft im Dienst des Militärs

Ein Beispiel: Die Universität des Saarlandes erhielt im Januar 2013 mehr als 120.000 Dollar vom "Army Research Laboratory", um die mathematische Verarbeitung von Sprachstrukturen zu erforschen. Aus Sicht der Uni handelt es sich dabei um "reine Grundlagenforschung". Die Ergebnisse könnten auf ganz verschiedenen Feldern zu Anwendungen führen, teilt die Uni mit - und ergänzt: "Dass darunter auch militärische sein könnten, liegt in der Natur von Grundlagenforschung."

So können Modelle von Sprache etwa in die Entwicklung von Abhörtechnologie einfließen. Aus "reiner Grundlagenforschung" wird damit ziemlich schnell konkrete Wissenschaft im Dienste von Militär und Geheimdiensten. Und man kann auch andersherum fragen: Warum sollte die US-Armee sonst überhaupt dafür zahlen? Jeder Euro an Militärgeld ist ein Indiz dafür, dass die geförderten Vorhaben zumindest auch militärischen Nutzen haben könnten.

Natürlich lässt nicht nur das US-Militär forschen. Auch das deutsche Verteidigungsministerium überweist den Unis jedes Jahr Millionen für "Wehrforschung, wehrtechnische und sonstige militärische Entwicklung und Erprobung". Aber Deutschland ist nicht die USA - und auch deutsche Militärforschung nicht überall gern gesehen:14 deutsche Hochschulen, darunter Konstanz, Göttingen, Darmstadt und Ilmenau, haben sich über sogenannte Zivilklauseln in ihren Satzungen selbst verpflichtet, nicht für das Militär zu forschen.

Den Anfang machte 1986 die Universität Bremen, als sie beschloss, dass "jede Beteiligung von Wissenschaft und Forschung mit militärischer Nutzung bzw. Zielsetzung" vom Akademischen Senat abgelehnt werden müsse. In der Zivilklausel werden die Mitglieder der Uni aufgefordert, "Forschungsthemen und -mittel abzulehnen, die Rüstungszwecken dienen können."

Freiheit der Forschung

Voriges Jahr wurde die Bremer Regelung sogar noch verschärft - und doch findet sich ausgerechnet diese Universität in der Datenbank amerikanischer Regierungsaufträge. 2011 und 2012 erhielten Wissenschaftler der Hochschule jeweils 40.000 Dollar vom Verteidigungsministerium beziehungsweise der Verwaltung der Luftwaffe: Unterstützung für ein Forschungsprojekt, bei dem es um Metallemissionen in der oberen Atmosphäre geht.

"So ein Geldgeber legt natürlich die Vermutung nah, dass es einen militärischen Hintergrund geben könnte", sagt der Bremer Universitätsrektor Bernd Scholz-Reiter. Er wirkt nicht glücklich über die Förderer aus den USA. Aber letztlich sind ihm die Hände gebunden. Denn trotz Zivilklausel entscheidet immer noch der einzelne Forscher, ob er die Kooperation mit dem Militär eingehen will oder nicht. Verbieten kann es ihm die Uni nicht, sie kann ihm nur abraten: In Deutschland ist die Freiheit der Forschung im fünften Artikel des Grundgesetzes garantiert. Auch wenn das heißt: Forschen für den Krieg.

Mitarbeit: Peter Hornung, Niklas Schenck

Am Dienstag in der SZ der elfte Teil der Serie "Der geheime Krieg": Das Milliardengeschäft der Deutschen mit amerikanischen Geheimdiensten wie CIA und NSA und dem US-Militär.