Debatte über Beschneidung Angst vor strengen Auflagen

Die Muslime in Deutschland sehen das Votum des Ethikrats zur Beschneidung mit Skepsis. Das Gremium empfiehlt zwar, sie zu erlauben, formuliert aber auch Mindestanforderungen. Der Zentralrat der Muslime warnt davor, den Eingriff endlos zu bürokratisieren - und damit dem Arzt zu unterstellen, dass er nicht fähig sei.

Von Silke Bigalke

Die Muslime in Deutschland fürchten, dass rechtliche Standards die Beschneidung von Jungen in Zukunft erschweren könnten. "Es darf keine Lösung geben, die mit so vielen Auflagen belegt ist, dass es unmöglich wird", sagte Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrats und Sprecher des Koordinationsrats der Muslime (KRM), der Süddeutschen Zeitung. Er bezieht sich damit auf die Empfehlung des Ethikrates vom Donnerstag.

Das Gremium empfiehlt zwar, die Beschneidung zu erlauben, formuliert aber auch Mindestanforderungen, etwa eine qualifizierte Schmerzbehandlung und die fachgerechte medizinische Ausführung. Nachdem im Juni das Kölner Landgericht die Beschneidung als strafbare Körperverletzung gewertet hatte, ist eine Diskussion darüber entbrannt, ob der Eingriff zulässig ist. Die Bundesregierung hat daraufhin angekündigt, die religiös motivierte Beschneidung von Jungen gesetzlich zu regeln.

Aiman Mazyek, Chef des Zentralrates der Muslime in Deutschland, hält es für überflüssig, Muslime darauf hinzuweisen, dass die Beschneidung fachgerecht sein muss: "Für Muslime führt idealerweise ein Chirurg die Beschneidung durch. Seine Religion ist dabei nicht entscheidend, sondern allein seine Befähigung." Er warnte davor, den Eingriff endlos zu bürokratisieren - und damit dem Arzt zu unterstellen, dass er nicht fähig sei.

"Rein medizinische Entscheidung"

Es müsse auch allein dem Mediziner überlassen werden, ob er eine Betäubung für notwendig hält oder nicht, sagte Mazyek. "Es ist eine rein medizinische Entscheidung. Und es kann nicht sein, dass sich ein Arzt dabei von einer vorurteilsbehafteten Diskussion beeinflussen lässt." Kizilkaya vom Islamrat hofft, dass der Gesetzgeber nicht zu viele Auflagen diktiert. Man müsse im Einzelnen prüfen, wie praktikabel diese seien. Kizilkaya könnte sich etwa vorstellen, dass Chirurgen eine Art Zusatzqualifikation für Beschneidungen ablegen. Bei den Juden beschneidet der Mohel, der speziell dafür ausgebildet ist. Er sei daher meist sogar besser qualifiziert als ein Arzt, sagte Kizilkaya.

Der Zentralrat der Juden hat indes angekündigt, die Ausbildung der Mohalim neu zu organisieren. Josef Schuster, Vizepräsident des Zentralrats, möchte diese in Zukunft einheitlich an den Ausbildungsstätten für Rabbiner ausbilden lassen. Darüber gebe es derzeit Gespräche. Die aktuelle Debatte habe gezeigt, dass es notwendig sei, die Ausbildung von Mohalim in Deutschland in eine organisatorische Form zu bringen, die auch künftig einheitliche religiöse und medizinische Standards garantiere.

Die liberalen Juden in Deutschland sehen in der medizinischen Qualifikation keine Hürden. Die meisten Säuglingsbeschneidungen würden im liberalen Bereich bereits von Ärzten mit entsprechender Zusatzausbildung durchgeführt, sagt Sonja Guentner, Vorsitzende der Union progressiver Juden in Deutschland. Klärungsbedarf sieht sie aber noch bei der Frage, ob der Säugling betäubt werden sollte oder nicht.