Das zweite Leben der Neda Soltani Das neue Leben in Deutschland

Neda Soltanis Versuche, ihr Bild aus der Öffentlichkeit zurückzugewinnen, scheitern kläglich. Sie hat die Verfügungsgewalt über ihr eigenes Bild verloren. Das Foto gehört längst den Demonstranten und Medien, die auf dem Foto die Ikone des Freiheitskampfes zu sehen glauben.

Am 23. Juni 2009 geben die Eltern der toten Neda Agha-Soltan authentische Fotos frei, die für jeden verfügbar sind. Das Bild von Neda Soltani wird trotzdem weiter verbreitet. Freunde versuchen, den Fehler in Internetforen richtigzustellen. Vergeblich. Eine Freundin wird beschimpft: "Du Bastard wirst uns den Engel des Iran nicht nehmen." Der Irrtum lässt sich nicht mehr aus der Welt schaffen. Die Regimekritiker im Internet beharren auf der Authentizität ihres Fotos. Nur wenige Journalisten erkundigen sich bei Neda Soltani über ihre Facebook-Seite nach der Herkunft des Fotos. Keinem gelingt es, den Irrtum aus der Welt zu schaffen. Das Foto ist für Neda Soltani verloren.

Schließlich setzt das iranische Regime Neda Soltani unter Druck. Von wem oder wie sie bedroht wird, will sie auch später in Deutschland nicht sagen, aus Angst um ihre Familie. Denn die Verwechslung soll gegen die Opposition verwandt, die Demonstranten auf der Straße als Instrumente westlicher Fälscher entlarvt werden. Sie bekommt Panikattacken, sie wird krank, beschließt, den Iran zu verlassen.

Ohne von ihren Eltern Abschied zu nehmen, flieht sie am 2. Juli 2009 in den Westen. Die Fluchthelfer bezahlt sie mit sämtlichen Ersparnissen, mit einem kleinen Rucksack gelangt sie über Griechenland nach Deutschland. In Bochum lebt ein Cousin. Er ist jetzt ihre Familie.

Am 3. Juli 2009 meldet BBC Online endlich die Verwechslung. Versteckt in einem Bericht über Internetforen, in einem Absatz nach den Verschwörungstheorien zum Tod Michael Jacksons. Im Kommentar heißt es: "Neda Soltanis Fall zeigt, wie gefährlich es sein kann, wenn Massenmedien auf Bilder aus sozialen Netzwerken zurückgreifen." Spätestens an diesem Tag hätte die Geschichte des Fotos ihr Ende finden müssen. "Meine Freunde hatten mir gesagt: Warte noch einen Tag. Dann wird alles gut. Aber die Tage vergingen, und nichts wurde gut", erzählt Neda Soltani im Exil. Das Asylverfahren in Deutschland läuft nun schon seit über sechs Monaten. Neda sagt, sie wollte nicht auswandern. Nie zuvor war sie im westlichen Ausland. Sie hat Heimweh.

Etwa 180 Euro Hilfe im Monat

Sie erhält vom deutschen Staat etwa 180 Euro Hilfe im Monat. Für Obst und Gemüse, eine gesunde Ernährung wie zu Hause in Teheran, reicht das kaum. Sie lebt jetzt irgendwo in einem Heim für Flüchtlinge. Sie hat immer noch Angst um ihre Familie in Teheran und Angst um sich in Deutschland. Ihr Zimmer mit der Nummer elf ist schmal, zwei Betten, ein Regal. Sie will niemanden hineinlassen. Sie sagt, sie will die Monate "im Lager" so schnell wie möglich vergessen.

Die Türbeschläge sind im Holz eingespachtelt. Die Gemeinschaftsküche für zwei Dutzend Asylbewerber hat kein Fenster, die Spüle wackelt auf einem zusammengezimmerten Brettergestell. Auf einem Balkon zum Hof ist eine Satellitenschüssel auf eine abgebrochene Metallstange gespießt. Die Stange steckt in einem aufgeplatzten Sauerkrauteimer, der mit Sand und Steinen beschwert wurde. Improvisiertes Flickwerk für eine Verbindung zur Heimat.

Das authentische Foto der toten Neda ist seit Monaten bekannt, das falsche der lebenden Neda taucht noch immer auf: bei Spiegel Online und in der New York Times. Noch im November brachte CNN einen Bericht über den Iran, wieder mit dem Foto Neda Soltanis.

Sie schrieb den Sender an und bat darum, ihr Bild zu löschen. Als Antwort erhielt sie eine automatische E-Mail, in der man um Verständnis bat, dass nicht alle Hinweise persönlich beantwortet werden könnten. Unterzeichnet war das Schreiben mit "CNN, The Most Trusted Name In News".

Neda Soltani hat den Kampf um ihr Bildnis verloren.

Zum Autor: David Schraven, freier Journalist in Bottrop, schreibt normalerweise über Themen aus dem Bereich Energieversorgung und hat deswegen häufig mit dem ölreichen Iran zu tun. So erfuhr er auch von Neda Soltanis Geschichte.