Buchpräsentation Die Sache mit der Meinung

Sarrazin und Herrmann sind meistens einer Meinung, was das Streitgespräch auch trotz der Mühe von Moderator Wolfgang Herles zum Gespräch macht. Zweitens wird es bisweilen recht technisch, wenn Herrmann und Sarrazin erörtern, wer warum Ober-, Mittel-, Unterschicht ist. Dieser Schichtsalat würde kein Problem darstellen, wenn - drittens - das Publikum nicht auf der Lauer läge, um Szenenbeifall und Szenenempörung loszuwerden. Herrmann schwimmt ein bisschen vor Aufregung. Einmal will sie sagen, dass ein Ostdeutscher im Schnitt eher Gefahr laufe, Hartz IV beziehen zu müssen als ein Westdeutscher. Stattdessen sagt sie sinngemäß: Jeder Ossi bezieht Hartz IV. Ein paar bekommen das in den falschen Hals.

Das ist wohl der Unterschied: Herrmann formuliert an diesem Abend - anders als in ihrem Buch - gelegentlich unsauber, Sarrazin spitzt zu. Es gebe, sagt er, keine materielle Armut der Hartz-IV-Empfänger, lediglich eine "Bildungs-, Bewegungs- und Verhaltensarmut". Weil Sarrazin weiß und sagt, dass öffentliche Diskussionen anschaulich geführt würden, legt er ein Beispiel nach: In 45 Prozent der Kinderzimmer im sozial schwachen Wedding stehe ein Fernseher, in Charlottenburg seien es nur knapp fünf Prozent. "Selbst wenn ein Fernseher billig ist, kostet es nicht mehr, ihn aus dem Kinderzimmer herauszunehmen."

Kurzum: Viele Dinge, die die Gesellschaft der Armut zuschreibe, hingen in Wahrheit am individuellen Verhalten. "Menschen können es vielleicht nicht ändern, dass sie keine Arbeit haben, aber sie können entscheiden, ob sie morgens im Bett liegen bleiben oder aufstehen und ihren Kindern ein Schulbrot machen", sagt Sarrazin.

Diese Zuspitzungen sind es, die nachhallen und die auch zeigen, dass Thilo Sarrazin für Ulrike Herrmann an diesem Abend Glück und Fluch zugleich ist. Er ist ein Glück, weil er Publikum zieht. Er ist ein Fluch, weil er auch die Aufmerksamkeit zieht - allerdings mehr auf sich als auf das Buch der taz-Autorin Herrmann.

* Ulrike Herrmann: "Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht". Westend Verlag, Frankfurt am Main; 224 Seiten; 16,95 Euro.