Briefe an Kanzlerin Merkel Frau Hänsel und ihr Gartenhaus

Manchen geht es um den Bürgerkrieg in Syrien oder um die Errichtung von Solarbahnhöfen in Baden-Württemberg, andere wollen einfach nur ein größeres Gartenhaus bauen: Hunderttausende Bürger wenden sich per Brief und Email an Kanzlerin Merkel - und sind oft nur schwer zufrieden zu stellen.

Von Roman Deininger

Dem Klischee nach hat der Schwabe zwei große Leidenschaften, das Kehren und das Gärteln. Zu seinem Glück braucht er also ein Häusle, das er putzen, und dazu ein Gärtle, das er pflegen kann. Damit ist der Schwabe schon zufrieden. Sieht er aber dieses kleine Glück bedroht, kann er fuchsig werden. Und deshalb hat Brigitte Hänsel, 58, aus Heidenheim kürzlich einen Brief geschrieben, oder eigentlich zwei: einen an Winfried Kretschmann, ihren Ministerpräsidenten, und einen an Angela Merkel, ihre Kanzlerin. Sie hat bei den beiden ihr schwäbisches Grundrecht auf eine Gartenhütte eingefordert.

In den Briefen holt Brigitte Hänsel weit aus: "Gartenarbeit ist eine schwäbische Tugend. Eigentlich wurde sie den Grünen in die Wiege gelegt." Aber in der Landesregierung, schreibt Hänsel, habe Kretschmanns Öko-Partei offenbar vergessen, dass wer anständig gärteln will, auch eine anständige Gartenhütte braucht. Geräumig genug etwa für all die Gerätschaften, die sie zur Bewirtschaftung ihres ausnehmend großen Gärtles vor den Toren von Heidenheim braucht.

4100 Quadratmeter Fläche, argumentiert sie, seien mit einem "normalen Rasenmäher" nicht zu schaffen. "Wir benötigen deshalb einen großen Aufsitzmäher." Und allein der passe nun mal nicht in eines dieser 20-Kubikmeter-Hüttchen, wie sie Landes- und Bundesbauordnung für Privatleute maximal zulassen. Am Ende erinnert Hänsel den Ministerpräsidenten und die Kanzlerin nur vorsorglich noch mal daran, dass "auch Gartenbesitzer Wähler sind".

410.000 "Anfragen und Stellungnahmen" aus der Bevölkerung seien 2012 bisher beim Bürgerservice des Bundespresseamts eingegangen, berichtet ein Regierungssprecher, "vornehmlich an die Kanzlerin gerichtet": 300.000 Mails, 60.000 Briefe, 50.000 Anrufe. Nach Abzug von Spam und Serienbriefen seien 150.000 Anfragen individuell beantwortet worden - wenngleich nicht wie von vielen erhofft von der "sehr geehrten Frau Bundeskanzlerin" (Hänsel) persönlich.

Im baden-württembergischen Staatsministerium zähle man die Zuschriften gar nicht erst, sagt ein Sprecher, versuche aber auch, sie mit Hilfe der Bürgerbeauftragten in allen Ministerien "sorgfältig zu beantworten". Durch Sorgfalt allein ist mancher Schreiber indes nicht selig zu machen: Dafür müsste der Ministerpräsident das Land zeitnah mit vom Verfasser konzipierten "Solarbahnhöfen" überziehen oder endlich in Syrien für Ordnung sorgen. Und vielleicht noch ein Autogramm mitschicken, mitsamt Widmung zum runden Geburtstag eines Onkels.

Brigitte Hänsel wäre schon mit etwas Kulanz zufrieden gewesen, mit etwas mehr Platz für Regentonnen, Schubkarren und einen Holzofen, damit sie und ihr Mann ihr "Vesperbrot" bei Kälte nicht mehr "bei laufendem Motor im Auto verzehren müssen". Der "Kretsch" werde es schon richten, hört man im Südwesten oft, aber in diesem Fall konnte auch er nichts richten: Eine größere Hütte, so das Antwortschreiben seines Hauses, sei leider "nicht zulässig". Nun ist Hänsel sauer auf Kretschmann - und mehr noch auf seinen Parteifreund Jürgen Trittin. Dem hatte sie nämlich auch noch geschrieben. Und er hat ihr empfehlen lassen, doch einfach einen "landwirtschaftlichen Betrieb anzumelden".