Brandenburg Lückenhafte Statistik

Laut einer Studie der Universität Potsdam gab es in den vergangenen Jahren in Brandenburg weitaus mehr Todesopfer rechtsextremer Gewalt als bisher angegeben. Die Forscher überprüften die Fälle nach anderen Kriterien als die Polizei.

Von Antonie Rietzschel

Zehn Rechtsextreme prügeln und treten in Eberswalde auf Amadeu Antonio Kiowa ein - unter den Augen von zwei Zivilpolizisten, die sich nicht trauen einzugreifen. Kiowa stirbt. Zehn Jahre später, am 30. Mai 2000, wird in derselben Stadt Falko Lüdtke getötet. Der Punk hatte einen Rechtsextremen auf seine Hakenkreuztätowierung am Hinterkopf angesprochen. Es kommt zum Streit. Der Rechtsextreme schlägt Lüdtke gegen den Brustkorb. Der stolpert auf die Straße und wird von einem Taxi erfasst.

64 Todesopfer rechtsextremer Gewalt erkennt die Bundesregierung derzeit an - unter ihnen Amadeu Antonio Kiowa. In Eberswalde gibt es eine Gedenktafel und ein Veranstaltungshaus, das den Namen des Toten trägt. Doch Falko Lüdtke taucht nicht in der offiziellen Statistik auf. Seit Jahren gibt es eine große Diskrepanz zwischen den offiziellen Opferzahlen und Recherchen von Journalisten sowie Verbänden. Zeit und Tagesspiegel zählen 152 Fälle, die Amadeu-Antonio-Stiftung sogar 184.

Nach der Entdeckung des Nationalsozialistischen Untergrunds NSU ordnete das Bundesinnenministerium an, unaufgeklärte Tötungen und Tötungsversuche zwischen 1990 und 2013 auf rechtsextreme Motive hin zu untersuchen. 746 Fälle wurden herausgefiltert, bei denen es entsprechende Anhaltspunkte gab. Das Endergebnis sollte eigentlich im zweiten Quartal 2014 vorliegen. Bis heute ist unklar, ob die Opferstatistik korrigiert werden muss.

Zudem hat das rot-rot regierte Brandenburg als erstes Bundesland eine unabhängige Stelle damit beauftragt, umfangreich die Diskrepanz der Opferstatistiken aufzuarbeiten. Das Moses-Mendelssohn-Zentrum der Universität Potsdam veröffentlicht an diesem Montag seinen Abschlussbericht, der der SZ vorliegt. Laut offizieller Statistik starben in Brandenburg seit der Wiedervereinigung neun Menschen bei rechtsextremen Übergriffen. Die Forscher haben 24 weitere Verdachtsfälle neu überprüft. Nach Durchsicht der Prozessakten kommen die Forscher zu einem erschreckenden Ergebnis: Nur vier der neu überprüften Fälle sind weder politisch motiviert noch von einem rechtsextremen Täter begangen worden. In neun Fällen ist aus Sicht der Forscher eindeutig bewiesen, dass Menschen aufgrund der rechtsextremen Weltanschauung der Täter starben, unter ihnen auch Falko Lüdtke. Damit würde sich die Zahl der Todesopfer rechtsextremer Gewalt in Brandenburg verdoppeln.

Die Forscher schauten sich jeden Fall einzeln an, ohne feste Kriterien festzulegen. Das Vorgehen unterscheidet sich damit von dem der Polizei, die politisch motivierte Straftaten nach festen Kategorien, wie Hautfarbe, Religion, Weltanschauung oder Herkunft beurteilt. Im Fall von Falko Lüdtke gab die Polizei dem Opfer indirekt die Schuld an seinem Schicksal. Er habe dem Täter ein Gespräch aufgedrängt und keine Ruhe gegeben, heißt es in einem Vermerk. Das Gericht erkannte im Prozess zumindest Lüdtkes Zivilcourage an, konnte aber kein eindeutig politisches Motiv erkennen.