Boykotte von Jugendlichen in der Türkei Freiheit statt Fastfood

Erdoğan fegt die Demonstrationen in der Türkei mit Wasserwerfern und Tränengas hinweg. Die Jugend hat reagiert mit neuen Formen des Protests. Sie boykottieren regierungsfreundliche Firmen - ein Novum in der Türkei.

Von Christiane Schlötzer, Istanbul

Im Gezi-Park gibt es neue Rosenstöcke und frisch gesäten Rasen. Sogar zusätzliche Linden habe man gepflanzt, teilte die Stadt Istanbul mit. Leider kann man das junge Grün nicht mit eigenen Augen bewundern - denn seit der gewaltsamen Räumung wird der Park von allen Seiten durch Polizisten bewacht. Stadt und Regierung fürchten offenbar, die Park-Besetzer könnten sonst flugs zurückkehren. Die Gezi-Jugend hat sich aber längst andere Formen des Protests ausgedacht, gegen die Wasserwerfer und Tränengas machtlos sind. "Boykot Listesi", so heißt eines der neuen Protest-Instrumente.

Über Twitter und Facebook verbreiten die Regierungsgegner inzwischen, dass sie etwa Burger King und McDonald's in der Türkei meiden wollen: Weil nämlich Läden der Hamburgerketten ihre Türen verschlossen hätten, als Tausende in Istanbul vor den Gasschwaden Schutz suchten. Auch einige bislang sehr beliebte türkische Süßigkeiten-Tempel sollen aus diesem Grund künftig tabu sein. Die Dogus-Holding, der drittgrößte Firmenkomplex des Landes, steht gleich als Ganzes auf der Liste, da der zum Konzern gehörende Sender NTV, einer der wichtigsten Nachrichtenkanäle des Landes, das Geschehen im Gezi anfangs ignorierte. So gilt der Boykott-Aufruf nun auch den von Dogus vertriebenen Automarken, von VW bis Lamborghini. Einkaufszentren, Modeketten, all das sollen die jungen Leute meiden.

Manager stellen Erdoğan schlechtes Zeugnis aus

"Teilt und tauscht, geht zu Fuß, schaut kein Fernsehen, kauft Fahrräder, spart Benzin, und wenn ihr nicht kochen könnt, dann esst in den kleinen Kneipen eurer Nachbarschaft", so lauten die Ratschläge an die rebellische Jugend. Die Türkei ist ein äußerst konsumfreudiges Land. Kauf-Boykotte sind da ein Novum. Eine aufstrebende Wirtschaft war bislang die beste politische Lebensversicherung für die seit elf Jahren regierende konservativ-islamische Partei von Recep Tayyip Erdoğan.

Die Kosten der mehr als zweiwöchigen Proteste für den Staat hat der Premier bereits auf 100 Millionen Lira (40 Millionen Euro) beziffert. "Ist das nicht Geld der Nation?", fragte Erdoğan und beschuldigte die Demonstranten, sie hätten Händlern, Restaurant- und Ladenbesitzern bereits massiv geschadet, weil viele Käufer wegen der Proteste wegblieben.

Genauso wütend dürfte der Premier reagieren, sollte sich der Aufruf zur Konsumverweigerung dauerhaft in den Kassen einiger Firmen bemerkbar machen. Ohne Namen zu nennen, hatte Erdoğan jedoch selbst auch Unternehmern mit Nachteilen gedroht, weil sie den Gezi-Besetzern geholfen hätten, durch Essensspenden beispielsweise. Die türkische Wirtschaftszeitung Ekonomist sprach mit 137 Topmanagern des Landes: 88 Prozent bescheinigten der Erdoğan-Regierung, die Gezi-Krise schlecht bis miserabel gemanagt zu haben (auf einer Zehner-Skala gaben sie dafür nur einen bis drei Punkte). Alle an der türkischen Börse gelisteten Konzerne verloren in den vergangenen 20 Tagen jeweils mehrere Milliarden Euro.

Eine junge Aktivistin sagt: "Wenn die ersten Unternehmer sich bei Erdoğan beschweren, ändert sich gewiss etwas." Das klingt nicht nach einem Programm zum Regierungssturz. Die Protest-Jugend will nur besser leben - mit mehr Freiheiten und dafür auch gern ohne Fernsehen und Fastfood.