Blog zu Protesten in der Türkei Drei Fragen, 24 Antworten

Täglich Nachrichten von Tränengas-Attacken und niedergeknüppelten Demonstranten: Die Proteste in der Türkei gegen die Erdoğan-Regierung finden auch in Deutschland ein großes Medienecho. Zwei deutsche Blogger haben ihre türkischen Freunde nach ihrer Meinung gefragt. Nicht alle sind für die Occupygezi-Bewegung.

Von Deniz Aykanat

Auf der Facebook-Seite von Occupygezi laufen die Nachrichten fast im Minutentakt ein. Neue Aufrufe, Videos, Statements und Fotos - selbst wenn es auf den Straßen ruhig ist, kennt der Protest im Netz keine Pause, Unterstützer klicken auf den Like-Button, twittern, verlinken.

"Es gibt Themen, die nicht in fünf Minuten erklärt werden können", sagt der Berliner Blogger Janne Grote. Die Proteste in Istanbul gehören für ihn zu den Fällen, die mehr als ein flüchtiges Status-Update benötigen. Die Vernetzung von Aktivisten über soziale Netzwerke ist wichtig, gerade weil die Medien in der Türkei nicht frei berichten können. Doch die Flut an Posts und Statusmeldungen sei vergänglich und unübersichtlich. "Sie verschwinden schnell in der Timeline", sagt der 31-Jährige.

In seinem Blog elalem, das der Doktorand der Migrationsforschung mit seiner Kollegin Ellen Kollender betreibt, will er deshalb einen Ruhepol schaffen - als Ergänzung zur Informationsflut. Unter dem Titel "Genug ist genug!" haben die beiden die Stimmen von acht ihrer türkischen und deutsch-türkischen Freunde zusammengetragen, die in Istanbul die Proteste hautnah miterleben oder in Deutschland Solidarität mit den Demonstranten zeigen wollen.

Die Antworten auf drei Fragen sollen dabei Orientierung bieten: Wie erlebst du gerade die Situation in Istanbul? Was kritisierst du? Was erwartest und wünschst du dir?

"Für meine Eltern ist Erdoğan ein Held"

Gerade in der Türkei ist das soziale und politische Geflecht teilweise undurchschaubar und widersprüchlich, vor allem für Außenstehende. Das ist auch Grote und Kollender aufgefallen. "In Gesprächen mit Freunden haben wir immer wieder bemerkt, dass das Thema sehr viele Facetten hat und nicht gerade eingängig ist", sagt Grote. Das Blog soll aus der Debatte das Tempo herausnehmen, in gewissem Sinne ist es ein Zeitdokument.

Es werden auch Stimmen gehört, die sich kritisch über die Occupygezi-Bewegung äußern. Fatma, 29 Jahre alt, Studentin in Hamburg, bezeichnet sich selbst als Deutsch-Türkin und ist zwiegespalten. "Für meine Eltern ist Erdoğan ein Held", schreibt sie, die im Blog nur ihren Vornamen nennen möchte. Vieles, was der Premierminister in den vergangenen Jahren auf den Weg brachte, hält auch sie selbst für "wichtige politische Meilensteine". Das Vorgehen der Polizei und die Selbstzensur vieler türkischer Medien kritisiert Fatma dagegen. Auch Eyüp aus Bremen führt an, dass Erdoğan und die AKP viel Gutes erreicht hätte - ihnen aber die Macht dann zu Kopf gestiegen sei.

Die 30-jährige Melek, Doktorandin aus Ankara, sieht die Proteste in der Türkei etwas anders. Sie ist seit dem ersten Tag bei den Demonstrationen in Ankara dabei, die Regierungspolitik Erdoğans bezeichnet sie als repressiv. Wie die Polizei mit den Demonstranten umgeht, mache sie wütend, dem Premierminister wirft sie Arroganz vor. Die AKP habe zur Polarisierung zwischen Islamisten und Kemalisten beigetragen, schreibt sie. Menschen wie Melek, die sich als gläubige Muslimin bezeichnet und "eher den linken politischen Strömungen" zurechnet, seien aus der politischen Arena verdrängt worden.

Fortsetzung geplant

Melek spricht damit das an, was viele der teilweise sehr unterschiedlichen Sichtweisen letztlich gemeinsam haben: Der Wunsch nach mehr politischer Partizipation und Repräsentation. Der 36-jährige Cetin Celik aus Istanbul kritisiert zum Beispiel, dass Erdoğan offenbar Wahlen als die einzig legitime Möglichkeit für Bürger akzeptiere, ihre Meinungen und Bedürfnisse zu äußern. Bevormundung und Machtmissbrauch durch die AKP-Regierung - diese Vorwürfe ziehen sich durch viele der Antworten in Grotes und Kollenders Blog.

Die Polizeigewalt habe ihr "Herz gebrochen", schreibt die 27-jährige Deniz. Sie hofft, dass niemand das Gefühl dieses "Türkischen Frühlings" vergessen werde, wenn kommendes Jahr in der Türkei wieder Wahlen sind.

Der Meinungsaufruf war schon nach kurzer Zeit der meistbesuchte Blogeintrag, seit elalem vor einem Jahr online ging. Die Beiträge sind auf Deutsch und Englisch verfasst und machten auch außerhalb Deutschlands schnell die Runde. Am ersten Tag gab es sogar 64 Aufrufe aus Mazedonien. Grote und Kollender wollen weitermachen. Wie? - das hängt vom weiteren Verlauf der Proteste ab.

Am Mittwoch traf sich Erdoğan in Ankara mit Vertretern der Protestbewegung. Viele Occupygezi-Unterstützer in den sozialen Netzwerken bezweifeln allerdings, dass die Gruppe Intellektueller und Künstler, mit denen der Premierminister sprach, tatsächlich jemals persönlich an den Demontrationen teilgenommen hat. Grote berichtet, dass die Erwartungen seiner Freunde eher verhalten sind. Mit ihnen stehen er und Kollegin Kollender in täglichem Kontakt. "Vor allem diejenigen in der Türkei sind dankbar, dass ihre Stimmen gehört werden." Im Sommer wollen die Blogger selbst nach Istanbul reisen.