Berlin Dienstvilla mit Vergangenheit

Die Wohnung des Bundespräsidenten in Dahlem hatte einst jüdische Eigentümer. Nun gibt es Streit über das richtige Gedenken.

Die letzten Umzugskisten von Ex-Bundespräsident Joachim Gauck sind gerade abtransportiert, in der Dienstvilla des deutschen Staatsoberhaupts werkeln die Maler. Doch noch bevor Gaucks Nachfolger Frank-Walter Steinmeier einziehen kann, ist eine Debatte über die NS-Vergangenheit des Hauses im vornehmen Berliner Stadtteil Dahlem entbrannt. Auslöser ist ein Brief des Bundestagsabgeordneten Thomas Feist an das Bundespräsidialamt, den jüngst die Berliner Zeitungen Bild und B.Z. aufgriffen. Darin kritisierte der Leipziger CDU-Politiker, dass weder eine Gedenktafel noch die schon 2015 gestifteten "Stolpersteine" an die jüdischen Vorbesitzer des Anwesens erinnern. "Es gehört zu unserer Verantwortung, dass wir das Gedenken an die Opfer der dunkelsten Zeit unserer Geschichte wachhalten", sagt Feist, dessen Familie selbst Verfolgung erlitten hat.

Die repräsentative Villa an der Pücklerstraße 14 hatte einst dem jüdischen Kunstperlenfabrikanten Hugo Heymann und seiner katholischen Frau Maria gehört, die dort ein großbürgerliches Leben führten. Nur acht Tage nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 verkaufte das Paar das Anwesen, nachdem der frühere SPD-Reichsinnenminister sie vor heraufziehenden "schrecklichen Zeiten" gewarnt hatte. Neuer Eigentümer wurde der Potsdamer Zeitungsverleger und NS-Gefolgsmann Waldemar Gerber. Heymann erhielt als Kaufpreis nicht einmal zwei Drittel seiner einst stattlichen Kosten von 150 000 Goldmark. Er selbst zog mit seiner Frau zunächst in eine andere Wohnung. Noch vor seiner 1938 geplanten Flucht vor den Nazis starb er mit 57 Jahren in Berlin - nach Angaben seiner Frau an den Misshandlungen, die er in Gestapo-Haft erlitten hatte.

Die Diskussion dreht sich vor allem um einen "Stolperstein"

Schon vor zwei Jahren sollte auf Initiative des Historikers Julien Reitzenstein ein "Stolperstein" für das Paar vor der präsidialen Dienstvilla verlegt werden. Diese kleinen, in den Boden eingelassenen Messingtafeln erinnern in Berlin vielerorts an deportierte und ermordete Nazi-Opfer. Doch die Initiative sagte die Verlegung selbst ab. "Wir hatten Bedenken, ob dort der richtige Ort ist, weil es nicht eindeutig der letzte Wohnsitz der Familie war", sagt Sören Schneider von der Koordinierungsstelle Stolpersteine in Berlin. Auch ein daraufhin vom Bundespräsidialamt in Auftrag gegebenes Gutachten kommt zu dem Schluss, der Stolperstein gehöre eigentlich vor die letzte Wohnung der Eheleute im Stadtteil Schmargendorf. Dennoch schreibt der bekannte NS-Forscher Michael Wildt von der Berliner Humboldt-Universität zusammen mit einer Kollegin, eine Ausnahme könne sinnvoll sein, weil der Verkauf der Villa für Maria Heymann und ihren Mann besonders "symbolträchtig" gewesen sei. "In ihrem Erleben bildete er den schmerzlichen Auftakt einer langen und sorgenvollen Verfolgungszeit, während der ihr Mann verstarb und von deren Folgen sie sich selbst nie wieder erholte", heißt es in einer Zusammenfassung der Ergebnisse, die der dpa vorliegt.

Das Präsidialamt will nun die anstehende Renovierung der Villa nutzen, um über die "geeigneten Formen des Gedenkens" zu entscheiden, wie eine Sprecherin sagte. Auch der Abgeordnete Feist will noch einmal nachhaken. "Ich glaube schon, dass der jetzige Bundespräsident sehr sensibel mit dem Thema umgeht." Steinmeier teilte nun mit, bevor er einziehe, "werde ich sicherstellen, dass eine Verständigung über ein angemessenes Gedenken hergestellt ist", zitiert ihn der Spiegel.