Außenansicht Ohne Lüge leben

Christophe Bourdoiseau, 50, ist Deutschland-Korrespondent der französischen Tageszeitung Le Parisien. Er lebt seit mehr als 20 Jahren in Berlin.

(Foto: oh)

Frankreich sollte sich seiner Vergangenheit stellen und eine Erinnerungskultur nach deutschem Vorbild entwickeln.

Von Christophe Bourdoiseau

Seit mehr als 20 Jahren lebe ich in Deutschland mit Gespenstern. In Berlin trifft man sie an jeder Ecke. Denkmäler, Erinnerungstafeln, Mahnmale, Friedhöfe, Museen, Dokumentationszentren, Stolpersteine ... Opfer und Täter des Nationalsozialismus, aber auch des Kommunismus haben aus dieser Stadt eine Gedenkstätte des 20. Jahrhunderts gemacht.

All die Orte der Erinnerung - es werden immer mehr mit den Jahren - hätten Überdruss auslösen können. Das Gegenteil ist passiert. Berlin und damit ganz Deutschland haben sich so von der düsteren Vergangenheit befreit. Ja, es tut gut, ohne Lügen zu leben. Das war ein langer Prozess, der erst nach der Wiedervereinigung abgeschlossen werden konnte. Seit 20 Jahren beobachte ich, wie die Deutschen Lügen der Vergangenheit beseitigen. "Deutschland hat sein Gedächtnis wiedererlangt", stellte der Friedensnobelpreisträger und Holocaust-Überlebende Elie Wiesel vor zehn Jahren zu Recht fest.

Der Historikerstreit ist passé. Weitere Versuche, einen Schlussstrich zu ziehen, sind überstanden. Auschwitz ist keine Moralkeule mehr, sondern Teil der deutschen und europäischen Geschichte. Hitler ist enttabuisiert. Fast alle deutschen Unternehmen haben zugegeben, vom NS-Regime profitiert zu haben. Stille Helden wie Otto Weidt, Sophie Scholl oder Georg Elser sind Symbole des Widerstands und der Menschenrechte geworden.

Die dunkelste Seite der deutschen Geschichte ist in der Identität des Landes verankert. Das war keine leichte Aufgabe für die Nachkriegskinder, die mit Goethe und Schiller, aber auch mit Himmler und Göring leben mussten. Den heutigen Deutschen ist bewusst, dass sie für die Verbrechen ihre Großeltern und Urgroßeltern nicht verantwortlich sind. Sie haben aber die "Pflicht der Erinnerung" verstanden.

Die ARD-Serie "Unsere Mütter, unsere Väter" zeigt, wie diese Generation unverkrampft mit der dunklen Vergangenheit umgeht, ohne den Eindruck zu erwecken, den Holocaust relativieren zu wollen. Das Ergebnis ist, dass die Deutschen sich nicht mehr ständig entschuldigen müssen, wie das noch in den 90er-Jahren der Fall war. Sie können stolz auf ein pazifistisches und selbstbewusstes Land sein. Und wenn der türkische Präsident Erdoğan die Kanzlerin als Nazi beschimpft, ist es einfach nur lächerlich. Dieser Art von Vergangenheitsbewältigung ist auch mit den Verbrechen des Kommunismus gelungen. Es gibt keine Geheimnisse mehr über die DDR. Wir wissen heute alles über den Unrechtstaat. Die Mauer war ein Verbrechen, keiner kann es mehr bestreiten.

Von "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" zu sprechen, ist immer noch gefährlich

Die Debatte um die Erinnerungskultur ging auch um die Frage eines Denkmals. Sollte die Geschichte künstlerisch dargestellt werden, um die Opfer zu ehren? Oder sollte man lieber historische Fakten an die nächste Generation weitergeben? Das Holocaust-Mahnmal am Brandenburger Tor ist ein Beispiel dafür, wie man beides verknüpfen kann. Das unterirdische Museum unter dem Stelenfeld mit 15 jüdischen Familienschicksalen bringt uns zum Nachdenken. Die Individualisierung der Erinnerung gibt uns eine bessere Idee vom Ausmaß des Massenverbrechens, als dies nackte Zahlen tun könnten.

Deutschland hat in den vergangenen Jahren eine beispiellose Kultur der Erinnerung geschaffen, die Frankreich und anderen historisch traumatisierten Ländern auch guttäte. Eine Befreiung der Erinnerung wünsche ich mir auch für mein Land - und nicht etwa einen Schlussstrich, wie ihn mehrere Politiker während der Präsidentschaftswahlen verlangt haben.

Für Marine Le Pen schwächt die "Kultur der Vergebung" das Gefühl der "nationalen Identität". Wie die Rechtspopulistin hat auch der Konservative François Fillon verlangt, die Geschichte Frankreichs so umzuschreiben, dass man sie wie einen "nationalen Roman" lehren kann. "Es ist eine Schande, dass in der Schule unsere Geschichte in Frage gestellt wird." "Die jungen Franzosen (...) lernen, sich für ihre Geschichte zu schämen", fügte er hinzu.

Wenn wir mit unserer Geschichte nicht mehr konfrontiert werden wollen, wie Fillon dies verlangt, sollte man die dunkle Seite Frankreichs erst einmal richtig beleuchten. Die ständige Verdrängung der Wahrheit führt dazu, dass die Franzosen immer noch nicht wissen, auf welcher Seite Frankreich im Zweiten Weltkrieg wirklich stand. Die enge und gewollte Kollaboration mit den Nazis war eine Schande für das Land der Aufklärer. Die Franzosen ziehen es aber immer noch vor, mit der Legende des Widerstandes zu leben. Die Antwort ist immer die gleiche: Die Kollaborateure waren keine "echte" Franzosen. Aber sie waren viele. Erst 1995 hat der damalige Präsident Jacques Chirac die Verantwortung Frankreichs bei der Deportation von mehr als 70 000 Juden anerkannt. Die meisten wurden von französischen Polizisten verhaftet und an die Nazis ausgeliefert.

Wie die Franzosen mit ihrer Vergangenheit umgehen, hat der unabhängige Kandidat Emmanuel Macron mitten im laufenden Wahlkampf heftig gespürt. Mit dem Begriff "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" hatte er die damalige Kolonialisierungspolitik Frankreichs gezeichnet. Noch 1931 standen mehrere "Authentische Kannibalen" aus Neukaledonien - unsere früheren "Mitbürger" - zur Schau bei der Pariser Kolonialausstellung. Manche wurden mit dem Zoo Frankfurt gegen Krokodile einfach so getauscht. 2005 versuchten französische Abgeordnete noch, ein Gesetz über die "positive Rolle Frankreichs" in den ehemaligen Kolonien durchzusetzen. So wie es die Deutschen einst mit Hitlers Autobahnen hielten, so versuchen Franzosen die "guten Seiten" des Verbrechens in Erinnerung zu halten.

Die Reaktionen waren so heftig, dass Macron ein Rückzieher machen musste, um die Wahlen nicht definitiv zu verlieren. Sein Vorstoß hat gezeigt, dass Frankreich bis heute nicht bereit ist, sich offiziell für seine Verbrechen zu entschuldigen, besonders für jene, die während des Algerienkriegs zwischen 1954 und 1962 begangen wurden. Diese Politik des Vergessens kann Frankreich nur in die Irre führen. Mit Lügen kann man keinen Frieden finden und sich auch nicht mit den Opfern und ihren Nachfahren versöhnen. Eine Erinnerungskultur, wie sie Deutschland praktiziert, würde helfen, uns mit den Migrationskindern der Banlieues zu versöhnen. Die Gewalt in unseren Vorstädten hat soziale Gründe, aber eben auch historische.

In Frankreich steht auf jedem Dorfplatz ein Denkmal für die Millionen gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs. Aber was bringt es unseren Kindern zu wissen, dass Soldaten Helden waren? Diese Erinnerungskultur ist längst überholt. Wir sollten in Frankreich auch mit Gespenstern leben.