Außenansicht Mehr Kairo als Berlin

Israel sieht sich als Vorposten des Westens im Orient, als "Villa im Dschungel". Dabei ist es längst Teil des "Dschungels".

Von Johannes Becke

Er wollte das christlich-imperialistische Europa von den strategischen Vorteilen des zionistischen Projekts überzeugen. Deshalb pries Theodor Herzl 1896 in seinem Buch "Der Judenstaat" die jüdische Nationalbewegung als "ein Stück des Walles gegen Asien", als "Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei". Der orientalistische Jargon dieses oft zitierten Abschnitts umreißt bis heute die israelische Selbstwahrnehmung als "Villa im Dschungel", wie es einmal der ehemalige israelische Premier Ehud Barak ausgedrückt hat.

In den Zeiten des "Islamischen Staats" und angesichts der Auflösungserscheinungen arabisch-nationalistischer Flächenstaaten wie Syrien und Irak mag dieser Eindruck auf den ersten Blick richtig sein: Rund um den jüdischen Nationalstaat herum zerbricht die fragile Architektur von kolonialer Hand geschaffener Staatengebilde oder kann - wie in Ägypten - nur noch mit der eisernen Faust eines Präsidenten al-Sisi zusammengehalten werden. Wer heute dagegen die israelisch besetzten Golanhöhen besucht, der steht inmitten einer (bei all ihren Schwächen) westlich geprägten liberalen Demokratie - wenige Kilometer entfernt von den apokalyptischen Szenen des syrischen Bürgerkriegs.

Aber der Eindruck trügt. Der Staat Israel ist längst keine westliche Enklave mehr, die israelische Gesellschaft ist Teil des Vorderen Orients geworden, teils durch das orientalische Judentum, teils durch die strukturellen Zwänge der konfliktreichen Region. Das Erbe der jüdischen Einwanderer aus dem Vorderen Orient prägt nicht nur die israelische Küche, sondern zunehmend ebenso die Populärkultur. Auch ein derart dominanter Militärapparat wie in Israel, umstrittene Grenzen und Besatzungssituationen sind eher Kennzeichen postkolonialer Staaten. Es ist also kein Zufall, dass der amerikanische Philosoph Michael Walzer in seinem neuesten Buch zur Rückkehr der Religionen Israel eben nicht mit westlichen Staaten vergleicht, sondern mit Indien und Algerien.

Statt von Israel als "Villa im Dschungel" zu sprechen, kann inzwischen besser von schrumpfenden Enklaven einer Verwestlichung gesprochen werden; Enklaven, die häufig identisch sind mit den verbliebenen Machtinstrumenten der rasch dahinschwindenden aschkenasisch-säkularen Gründungselite: der Wohnbezirk von Nord-Tel-Aviv etwa, der Hohe Gerichtshof, die Fakultäten für Geisteswissenschaften und die High-Tech-Industrie. Und wem der Dschungel im eigenen Staat außerhalb dieser Nischen zu viel wird, der fliegt eben für eine Woche nach Berlin.

Im Kampf um den Tempelberg zeigen sich die alten Denkmuster

Nirgends wird dieser Prozess deutlicher als im neu aufgeflammten Kampf um den Tempelberg: Während westliche Säkularisten wie Moshe Dayan die Jerusalemer Altstadt und ihre Heiligtümer noch verächtlich als "diesen Vatikan" bezeichneten, so kämpft nun eine Reihe von jüdisch-israelischen Vereinigungen wie das "Tempel-Institut" nicht nur für jüdisches Gebetsrecht auf dem Gelände, sondern für die Wiedererrichtung des Dritten Tempels und die Wiederaufnahme des Opferkults.

Während die palästinensisch-arabische Seite eine gefährliche Tendenz zur Fälschung der Geschichte aufzeigt (der Tempelberg sei gar nicht die historische Stätte des Tempels), so wollen die Tempelberg-Aktivisten gleich das messianische Ende der Geschichte erzwingen - durch die Erstellung von Tempelgerät, das Schlachten von Pessach-Lämmern und die Züchtung einer "roten Kuh" zur rituellen Reinigung der zukünftigen Priester.

Im Gegensatz zum Gründungsmythos der palästinensischen Nationalbewegung, es handele sich beim zionistischen Projekt um eine Form des europäischen Siedlerkolonialismus, vereint der zeitgenössische Staat Israel (bei aller liberal-demokratischen Verfasstheit) inzwischen alle klassischen Merkmale nahöstlicher Staatlichkeit. Der jüdische Nationalstaat ist so militaristisch wie Ägypten, so irredentistisch wie Marokko in der besetzten Westsahara, so ethnozentrisch wie die Türkei, so ethnisch und konfessionell gespalten wie Libanon - und mit der Erschließung der beträchtlichen Gasvorkommen vielleicht bald ein Rentierstaat wie die Golfmonarchien. Aus akademischer Sicht empfiehlt sich daher für die deutschen Israel-Studien eine enge Verflechtung in die Nahost-Studien - der immer noch verbreitete institutionengeschichtliche Vergleich mit westlichen Staaten greift zunehmend ins Leere.

Vielen Israelis fällt die eigene Verortung im Vorderen Orient erst in Europa auf - etwa bei der schweigenden Koexistenz beim Hummus-Essen in der Berliner Sonnenallee oder anhand der geteilten Diaspora-Erfahrung von Israelis, Palästinensern und Syrern. Aber was bedeutet dieser Prozess der Entwestlichung für die Aussicht auf eine tragfähige politische Lösung des israelisch-arabischen Konflikts?

Der europäische Antisemitismus hatte die Juden als angebliches orientalisches Fremdvolk konstruiert; als Gegenreaktion darauf verstand die aschkenasische Gründungselite Israels ihren Zionismus bewusst als Projekt der Verwestlichung, ja als Projekt der Weißwerdung. Dieses Motiv der Furcht vor der eigenen Orientalisch-Werdung durch die Staatsgründung im Vorderen Orient stellte allerdings die jüdisch-ägyptische Autorin Jacqueline Kahanoff auf den Kopf: Gerade erst durch die Vermischung von Orient und Okzident könne das zionistische Projekt langfristig Teil der Region werden.

Nur für eingefleischte Antizionisten kann dieser Prozess aber die Auflösung israelischer Staatlichkeit in einer "Einstaaten-Lösung" oder einer "Konföderation" bedeuten. Viel bessere Aussichten auf Erfolg verspricht da eine regionale Friedenslösung nach dem Vorbild der arabischen Friedensinitiative. Hoffnung kann dabei auf eine neue Generation orientalisch-jüdischer Politiker außerhalb des Likud gesetzt werden, die sich nicht länger für das aschkenasisch-nationalreligiöse Siedlungsprojekt einspannen lassen wollen - wie etwa der ehemalige Generalstabschef der israelischen Armee, Gabi Ashkenasi.

Jenseits aller Fragen zur palästinensischen Staatlichkeit nach einem Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten würde eine solche Eingemeindung des zionistischen Projekts in die Region allerdings den Abschied von liebgewonnenen Gründungsmythen bedeuten. Die arabische Seite müsste anerkennen, dass Juden dieselben indigenen Selbstbestimmungsrechte im Vorderen Orient besitzen wie andere nicht-arabische Minderheiten (Berber, Maroniten, Kurden). Und die israelische Seite müsste endlich die Villa der orientalistischen Selbstabschottung verlassen, um den Schritt in den angeblichen Dschungel zu wagen.