Außenansicht Kinder des Krieges

In Kolumbien könnte bald Frieden herrschen. Doch ein Problem bleibt: Was soll mit all den Kämpfern geschehen?

Von Sabine Kurtenbach

Nach 50 Jahren Krieg mit mehr als sechs Millionen Vertriebenen und mindestens 220 000 Toten sollen die Waffen in Kolumbien zwischen Regierung und der ältesten Guerillagruppe des Kontinents schweigen; in Havanna verhandeln beide über ein umfassendes Friedensabkommen. Alle Beteiligten sind sich darin einig, dass dies ein wichtiger Schritt ist, um weitere Opfer zu verhindern. Damit die kolumbianische Gesellschaft jedoch strukturell friedensfähig wird, das heißt Konflikte zivil bearbeiten kann, bedarf es größerer und historischer Veränderungen. Drei Themen sind von zentraler Bedeutung: die Reduktion von Gewalt, das Nutzen der verfügbaren Ressourcen und Gerechtigkeit für die Opfer.

Kolumbiens Bevölkerung hat in den vergangenen Jahrzehnten leidvolle Erfahrungen mit sehr unterschiedlichen Formen von Gewalt gemacht. Guerillagruppen, paramilitärische Organisationen, staatliche Sicherheitskräfte und Kriminelle kämpften nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen die Zivilbevölkerung. Während Wissenschaft und Politik meist zwischen politischer und krimineller Gewalt unterscheiden, ist die Trennschärfe in Wirklichkeit nicht immer gegeben. In Kriegen gehen auch außerhalb Kolumbiens oft politische Ziele - etwa der Sturz einer Regierung oder die Sezession eines Landesteils - Hand in Hand mit persönlicher Bereicherung. Ob die politischen oder ökonomischen Motive bewaffneter Gruppen hervorgehoben werden, ist eine Frage der Perspektive und damit letztlich Teil der Auseinandersetzung. Friedensabkommen sind deshalb nur möglich, wenn auch dem bewaffneten Gegner politische Ziele zugestanden werden. Schweigen die Waffen zwischen Regierung und Farc, bleibt die Eindämmung der Gewalt anderer Akteure dennoch eine zentrale Herausforderung.

Um den Sold von Kombattanten zu bezahlen oder Waffen zu kaufen, benötigen auch nicht-staatliche bewaffnete Gruppen Ressourcen. Dabei kann es sich wie in Westafrika um Diamanten, wie im Nahen Osten um Öl oder aber wie in Kolumbien um Drogen und Gold handeln. Zwei Fragen stellen sich nun: Wie können legale Ressourcen so genutzt werden, dass sie der breiteren Bevölkerung zugutekommen und die Biodiversität des Landes nicht zerstören? Wie lassen sich Anbau und Handel illegaler Ressourcen bekämpfen? Die Teilabkommen zwischen kolumbianischer Regierung und Farc zu ländlicher Entwicklung und zum Drogenanbau geben erste Hinweise darauf, wie diese Fragen beantwortet werden: In den bisher dünn besiedelten Randterritorien sollen Zonen für die exklusiv kleinbäuerliche Nutzung ausgewiesen werden. Unbeantwortet bleibt die Frage, ob darüber hinaus eine zumindest einigermaßen stabile Lebensgrundlage im ländlichen Raum geschaffen wird, denn das vorherrschende Entwicklungsmodell bleibt unberührt. Wie in anderen Ländern der Region basiert dies auf der Extraktion von Rohstoffen.

Dass sich die Kolumbianer keine Illusionen über die Zukunft machen, ist eine gute Nachricht

Kaffee spielt nur noch eine kleine Rolle. Die Abhängigkeit von internationalen Preisschwankungen bleibt bestehen, außerdem entstehen hier kaum Arbeitsplätze. Nicht zuletzt deshalb fristen fast 50 Prozent der ökonomisch aktiven Bevölkerung ihr Dasein im informellen Sektor - beispielsweise als Straßenhändler oder Tagelöhner. Wenn sich daran nichts ändert, bleibt die soziale und ökonomische Basis für den Frieden schmal, bleibt das vermeintlich schnelle Geld aus illegaler und krimineller Aktivität attraktiv.

Schließlich stellt sich die Frage der Gerechtigkeit und des Umgangs mit der Kriegsgewalt. Die kolumbianische Regierung hat seit 2009 fast acht Millionen Menschen als Opfer registriert. Neben den Millionen Vertriebenen handelt es sich um Opfer von Entführung und Gewalt seitens der Guerilla, aber auch von Militär, Polizei oder paramilitärischen Gruppen. Schon die Registrierung war schwierig: Wer ist ein Opfer? Wie lässt sich das nachweisen? Welche Ansprüche auf strafrechtliche Verfolgung und Entschädigung gibt es? Die Beantwortung dieser Fragen zugunsten der Opfer bricht sich hier mit realen politischen und militärischen Machtverhältnissen: Denn wer unter den Tätern wäre bereit, seine Waffen abzugeben, wenn ihm jahrzehntelange Gefängnisstrafen drohen? Mit der sogenannten Sondergerichtsbarkeit für den Frieden versuchen Regierung und Farc den Spagat zwischen internationalem Recht, das Amnestien für Verbrechen gegen die Menschlichkeit ausschließt, und der strafrechtlichen Verfolgung aller Täter. Die Debatten hierzu spalten die kolumbianische Öffentlichkeit.

Selbst wenn die Waffen zwischen Regierung und Farc also ruhen, bleibt der Weg zum Frieden lang und steinig. Erfahrungen anderer Nachkriegsgesellschaften zeigen, dass nicht nur die Gefahr eines Rückfalls in den Krieg die Hoffnung auf Frieden untergräbt. Zum Ersten schadet auch nicht direkt mit dem Krieg verbundene Gewalt - etwa im häuslichen Umfeld, durch Kriminelle oder staatliche Sicherheitskräfte - dem Vertrauen in zivile Formen der Konfliktbearbeitung. Das zeigen Erfahrungen aus Afghanistan ebenso wie aus Guatemala oder El Salvador. Zum Zweiten befinden sich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in den meisten Nachkriegsgesellschaften fest in den Händen der Kriegsgeneration.

Jungen Menschen bleibt wenig Raum, ihre Vorstellungen umzusetzen. Trotz Kriegsende sind Migration und Flucht gerade für junge Menschen eine rationale, oft auch die einzige Alternative. Und zum Dritten gibt es in Nachkriegsgesellschaften selten funktionierende Institutionen, die aber gerade für ein Minimum an öffentlicher Sicherheit und Justiz notwendig sind. Polizei und Justiz lassen sich aber auch mit massiver Aufbauhilfe nicht aus dem Boden stampfen. Institutionen bearbeiten Konflikte nur dann, wenn ihnen Vertrauen entgegengebracht wird und wenn ihre Regeln für alle gelten. All dies benötigt Zeit, Engagement und politischen Willen.

In Kolumbien macht sich kaum jemand Illusionen, dass mit der Unterzeichnung eines Abkommens über Nacht "der Frieden" ausbrechen wird. Das ist eine gute Nachricht, weil es zu realistischen Erwartungen führt. Der Planungshorizont der Regierung für die unmittelbare Nachkriegszeit liegt bei zehn Jahren und hat unterschiedliche Probleme im Blick. Kolumbien verfügt über reformierte Institutionen, die einen Beitrag leisten können. Geht es in naher Zukunft vor allem darum, die Zustimmung der Bevölkerung zum Friedensabkommen zu gewinnen, müssen dessen Vorteile in den folgenden Jahren schnell im Alltag der Menschen ankommen. Anderenfalls bleibt auch dieser Friedensprozess nur eine Episode und nicht die Basis einer strukturell friedfertigen Gesellschaft. Die kolumbianische Regierung fordert deshalb zu Recht: "Alle für ein neues Land".