Außenansicht Integration für alle

Matthias Theodor Vogt, 57, ist Professor für Kulturpolitik und Kulturgeschichte an der Hochschule Zittau/Görlitz. Er leitet das Institut für kulturelle Infrastruktur Sachsen.

(Foto: oh)

Nicht trockene Kurse, sondern Kunst und Kultur sollten Migranten und Einheimischen vermitteln, was Deutschland ist.

Von Matthias Theodor Vogt

Differenzieren und Integrieren bilden ein Gegensatzpaar, jedenfalls in der Sprache der Mathematik. In der Praxis der Politik ist es umgekehrt - erfolgreiche Integration setzt Differenzierung voraus.

Unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung steht derzeit vor einer doppelten Herausforderung. Die viel diskutierten ungesicherten Grenzen haben lediglich zu einer Zunahme der gegenwärtigen Wohnbevölkerung um ein Prozent gesorgt, verbunden mit einer Belastung der öffentlichen Haushalte im Bereich von ebenfalls einem Prozent. Eine Krise sind diese Zunahme und diese Belastung zunächst einmal noch nicht. Die deutsche Gesellschaft befindet sich damit im Gleichklang mit denen der europäischen Nachbarn, auf historisch seltenem Friedens- und Wohlstandsniveau.

Im Inneren der Republik aber hat ein erheblicher Teil der Bevölkerung ihre Integration in die Grundannahmen dieser Ordnung zur Disposition gestellt. In Sachsen-Anhalt war es ein Viertel, in Berlin waren es teilweise 37 Prozent der Wähler ohne Migrationshintergrund. Dies ist in der Tat eine Krise.

Die durch die Flüchtlinge ausgelöste Binnenkrise hat zu verblüffenden Effekten geführt. Einer ist die Neubewertung von Kultur. Plötzlich wird fraktions- und diskursübergreifend die Kultur gepriesen, die deutsche, die europäische, gegebenenfalls - mit einem früheren Kampfbegriff - die abendländische. (Letzteres in der Regel von Leuten, die nicht wissen, dass "Abendland" der arabische Staatsname von Marokko ist).

Die Künstler und die Kultureinrichtungen haben die Integrationsherausforderung fast flächendeckend und sofort angenommen. Das fällt ihnen auch strukturell leicht. Wenn sich die Görlitzer Tanzcompany aus elf Mitgliedern zusammensetzt, die acht verschiedene Staatsangehörigkeiten haben, dann wird "deutsch" wieder zu dem, was es seit den Straßburger Eiden von 842 ganz unproblematisch immer war - ein Sprachbegriff. Erst im Ringen mit Napoleon wurde er durch Fichte und andere Denker um eine nationalpolitische Komponente erweitert. Von dieser Position aus ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zu einem statisch-ethnisch gedachten Deutschlandbild.

Eine andere Gruppe der Gesellschaft aber hatte die Chancen, die Kunst und Kultur ermöglichen, seit Jahrzehnten fast systematisch vernachlässigt und hat auch in den vergangenen Monaten kaum entsprechendes publiziert: die Sozialwissenschaftler. Das mag damit zusammenhängen, dass sich die heute wirkende Generation - wie so manche unserer Politiker - kaum noch über den sozialen Ort von Theater, Konzert und Vernissage definiert. Die Sozialwissenschaft hat viele kluge Integrationstheorien aufgestellt, aber meist geht sie dabei von der Vorannahme einer Art Erwachsenenbildung aus. Entgeht einem aber nicht etwas Fundamentales, wenn man als Wissenschaftler von sich auf andere schließt?

Gesellschaftliche Praxis muss sinnlich erfahren werden

In ihrem Geleitwort zu der Studie "Ankommen in der deutschen Lebenswelt" schreibt die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth: "Mit Neugier und Lachen entdecken Kinder die Welt. Niemand zwingt sie, sprechen zu lernen; sie tun dies aus eigenem Antrieb. Über die Vorbilder ihrer Großeltern, Eltern, Geschwister und Erzieher lernen sie, welche Verhaltensweisen für den Zusammenhalt von Familie und Gemeinschaft wichtig sind und von ihnen erwartet werden. Dieses Hineinwachsen in Wertvorstellungen, in die Normen einer Gesellschaft, nennt die Wissenschaft Enkulturation."

Wir erhalten unsere Kultur mit ihren tragenden Vorstellungen keineswegs nur rational vermittelt. Vielmehr erschließen wir sie uns ganz wesentlich sinnlich, vor-bewusst und emotional. Und bei solchen Prozessen spielt die Kunst eine wesentliche Rolle.

Enkulturation gilt aber nicht nur für kindliche Aneignungsprozesse. Sie gilt auch bei Erwachsenen, beispielsweise Migranten. Durch trockene Staatsbürgerkunde-Seminare lässt sich weder das deutsche Wertesystem noch die in ihm aufgehobenen inneren Spannungen zureichend vermitteln. Vor unzugänglich beschriebenen Tafeln bleibt man innerlich stumm. Anders dagegen, wenn das Erleben von Straße, Gericht, einer Vereinssitzung in künstlerischen Workshops und Rollenspielen umgesetzt wird. Dann lässt sich die gesellschaftliche Praxis unmittelbar und sinnlich erfahren, angefangen bei der Begegnung der Geschlechter.

Kunst und Kultur bieten aber auch Chancen für Menschen, die bereits in Deutschland leben. In Sachsen beispielsweise herrscht bei vielen Menschen offenbar die Grundüberzeugung, dass das Land schon immer so war, wie es heute ist. Deshalb sei es des Bürgers Pflicht, das Land vor Immigranten und Umformung zu schützen. Für die historische Richtigstellung, dass einhundert Prozent aller Sachsen Immigranten oder deren Nachkommen in einem vor 1500 Jahren noch menschenlosen Raum sind, ist da kein Platz in den Köpfen.

Wer aber Vorstellungswelten nachhaltig verändern will (die Unesco spricht von den Zäunen des Friedens, die es in den Köpfen der Menschen zu errichten gelte), der kann auf die traditionelle Form der Kulturpolitik mit Vorspieltheater und Hinguck-Ausstellung nicht länger vertrauen. Den Puls der Zeit treffen längerfristige Projekte und solche, die den Bürgern eine aktive und selbstbestimmte Partizipation ermöglichen. Wer jährlich mehrere Millionen für eine Außen-Kampagne "So geht Sachsen" ausgibt, der muss sich fragen lassen, warum er nicht zuerst einmal Geld für eine Binnen-Kampagne ausgibt, die Sachsens Bürgern hilft, die wutschnaubende Verklärung ihrer vermeintlichen Vergangenheit innerlich zu überwinden. Bevor der letzte Wirtschaftsinvestor oder Studieninteressierte den Freistaat zur No-Go-Area erklärt haben wird und es mangels Masse wirklich teuer wird.

Was beispielsweise mit einer dezentralen und interaktiven Landesausstellung geschafft werden soll (hier passt einmal das Wort "schaffen"), ist eine Erst-, genauer: eine Re-Integration aller Schichten der Bevölkerung in jene Prämissen unserer Rechtsordnung, die auf einem zutreffenden Geschichts-, Kultur- und Normenverständnis aufbauen. Die Flüchtlingskrise ist Anlass zu handeln. Wenn das geschafft ist, dann gibt es auch eine gesamtgesellschaftliche Grundlage für die Integration derer, die unsere Barmherzigkeit und unsere Integrationsbereitschaft nötig haben. Und der sehr, sehr vielen, die sie in Zukunft nötig haben werden.