Außenansicht Grüß Gott, Herr Imam!

Benjamin Idriz, 42, stammt aus dem mazedonischen Skopje. Seit 1995 ist er Imam der Islamischen Gemeinde Penzberg. Im Juli 2016 scheiterten seine Pläne für ein Islam-Zentrum in München an Geldmangel.

(Foto: Manfred Neubauer)

Islamische Religionsgelehrte sollten in Deutschland und auf Deutsch ausgebildet werden - zum Beispiel in München.

Von Benjamin Idriz

Imame bieten unablässig Diskussionsstoff in Deutschland; zuletzt wegen der Spionagevorwürfe gegen einige Ditib-Imame und der ARD-Sendung von Constantin Schreiber, die sein tendenziöses Buch "Inside Islam" zur Grundlage hatte. Anlass genug, um aus der Sicht eines Imams die Aufgaben von Imamen in Deutschland zu beschreiben. Ein Imam ist ein ausgebildeter Religionsgelehrter und Theologe, der ein Recht und einen Anspruch auf die Leitung der Gebete besitzt, eine Gemeinde leitet und seelsorgerisch betreut und auch im religiös-theologischen Bereich besonders qualifiziert ist. Zu seinem wichtigen Auftreten gehört die Botschaft, die er jeden Freitag von der Kanzel an seine Gemeinde und darüber hinaus sendet. Er ist sozial vernetzt, kommunikativ, ein "Brückenbauer".

Die Sorgen der Bevölkerung sind nicht loszulösen vom verbreiteten negativen Image der Muslime. Zum einen wird der Islam von vielen als problematisch für ein deutsches Werteverständnis betrachtet. Und zum anderen gelten Muslime noch immer weitestgehend als fremd und, trotz der in Deutschland geborenen Generationen, kaum als beheimatet. Die Gesellschaft und die Muslime selbst sind oft mit einem Zerrbild des Islams konfrontiert. Der Missbrauch des Islams durch Extremisten und Terroristen produziert Angst, aus der heraus der Islam an sich und der Missbrauch der Religion in einen Topf geworfen werden. Es besteht also ein enormes Bildungs- und Informationsdefizit in Bezug auf den Islam. Hartnäckige Vorurteile stehen einer harmonischen Koexistenz von Muslimen und Nicht-Muslimen im Wege. Gefragt sind Menschen mit spezifischer Ausbildung, die diese Fragen kompetent angehen, die eine entsprechende Bewusstwerdung innerhalb der muslimischen Gemeinschaft in Gang setzen und nach außen klärende Signale senden.

Auch viele Gemeinden sind unzufrieden mit der Lage, können sie aber derzeit nicht ändern

In dem Maß, in dem die Rolle der Moscheen vielschichtig geworden ist, ist auch das Aufgabenfeld der Imame gewachsen. Imame könnten der treibende Motor der Integration und des Dialogs sein. Doch lassen sie allzu oft die Grundanforderungen wie deutsche Sprachkenntnisse und fachliche Ausbildung vermissen. Der Bedarf der ungefähr 2700 Gemeinden in Deutschland wird meist durch den Rückgriff auf Imame aus dem Ausland gedeckt; viele von ihnen stehen so in direkter Verbindung mit ausländischen religiösen Behörden und unter fremdstaatlichem Einfluss. Imame aus dem Ausland verfügen zudem kaum über ausreichende Sprach- und Kulturkompetenz. Sie sind deshalb der Integration der Muslime nicht förderlich, auch werden sie den Anforderungen der Gemeinden nicht gerecht, vor allem nicht den jüngeren Gemeindemitgliedern. Bürokratie und andere Hürden wie die Sprachprobleme versperren den Imamen die Kontakte zur deutschsprachigen Infrastruktur.

Auch viele Gemeinden empfinden die derzeitige Lage der Imame als unbefriedigend. Sie können sie aber kaum verbessern; es fehlen Geld und Unterstützung. Die Moscheen wurden hier alleinegelassen. Viele Imame leisten eine hervorragende und notwendige erzieherisch-soziale Arbeit, weshalb sie Anerkennung verdienen. Wer die Imame und Verbände kritisiert, ohne entsprechende Alternativen anzubieten, betreibt populistische Rhetorik. Die realen Herausforderungen müssen bewältigt werden - Islamhass und Populismus tragen dazu nicht bei.

Die Ausbildung der Imame hier im Land sollte ein Kernanliegen der Muslime sein. Die Politik muss aber auch den entsprechenden Initiativen von Muslimen die Hand reichen. Gemeinsames vordringliches Anliegen sollte deshalb die Schaffung von Ausbildungseinrichtungen nur für Imame sein. Die kürzlich eingerichteten Lehrstühle wie in Münster, Osnabrück, Frankfurt, Erlangen, Tübingen für die Ausbildung von islamischen Religionslehrern, Islamwissenschaftlern und Theologen könnten Grundlagen für eine Imam-Ausbildung vor Ort sein - allerdings bilden diese Lehrstühle bislang keine Imame aus. Eine spezifische Imam-Ausbildung mit staatlicher Kooperation und Förderung fehlt immer noch in Deutschland. Ein entsprechendes Institut könnte zum Beispiel an der Ludwig-Maximilians-Universität in München eingerichtet werden, für alle deutschsprachigen Länder.

Langfristig müsste in Deutschland ein unabhängiger Lehrplan auf wissenschaftlichem Niveau für einheitliche Standards sorgen. Austauschprogramme zum Beispiel mit den Universitäten in Ankara, Sarajevo oder Kairo sollen mit positiven Impulsen auch nach außen wirken und eine Brückenfunktion zwischen Orient und Okzident übernehmen - getragen von einem fundierten Verständnis für historisches, klassisches, traditionelles, aber auch modernes Islamdenken; begleitet von Wissenschaftsprogrammen und einem facettenreichen Studienprogramm.

Ziel ist die Erlangung eines einheitlichen Fachwissens auf der Basis der muslimischen Quellen und empirischer Pädagogik. Eine essenzielle Grundvoraussetzung für einen gleichberechtigten Dialog ist der begleitende fachwissenschaftliche, praktische und spirituelle Ansatz der Ausbildung.

Von den Imamen, die in Deutschland und in deutscher Sprache ausgebildet sind, profitieren die Moscheegemeinden - weil so die Voraussetzungen für die Entwicklung des Islams im Lande geschaffen werden. Eine Imam-Ausbildung würde nicht nur eine wünschenswerte Dynamik in die Entwicklung einer Theologie des Islams in Deutschland bringen, sondern auch gleichzeitig auf das religiöse Leben der Muslime reagieren, ihre Religion im Hier und Heute einbinden und dem Bedürfnis der Mehrheitsgesellschaft nach Aufklärung durch kompetente Multiplikatoren entgegenkommen. Der Imam wird seine in der Akademie erworbenen Kenntnisse für das Zusammenwachsen der Gesellschaft fruchtbar einsetzen können, als Integrationsmotor sozusagen. Im Bewusstsein, dass diese Einrichtung nur in längerfristigen Schritten ins Leben gerufen werden kann, müssen zunächst die bereits tätigen Imame in Deutschland an die Modalitäten in praktischer und theoretischer Fortbildung herangeführt werden.

Für die Zukunft wünschen sich die meisten Muslime fundiert ausgebildete Imame und repräsentative Moscheen, in denen sich Frauen und Männer, Muslime mit unterschiedlichem Migrationshintergrund und die Mehrheitsgesellschaft offen begegnen, einander kennenlernen und somit zur Gestaltung des Zusammenlebens beitragen. Der Bedarf ist enorm, und Zeit wurde schon viel zu viel verloren. Wir müssen anfangen, bevor wir die heranwachsende Generation verlieren.