Auschwitz "Du denkst die ganze Zeit: Gelingt es mir noch einmal, zu überleben?"

  • Angeklagt ist vor dem Landgericht Detmold der 94-jährige ehemalige SS-Unterscharführer Reinhold Hanning, der als Wachmann in Auschwitz arbeitete.
  • Ihm wird Beihilfe zu Mord an mindestens 170 000 Menschen vorgeworfen - Mord durch Giftgas, durch Erschießen, und durch Verhungernlassen.
  • Die Holocaust-Überlebenden Justin Sonder (90), Leon Schwarzbaum (94) und Erna de Vries (92) wollen in den kommenden Tagen im Prozess aussagen.
Von Hans Holzhaider, Detmold

Er ist der Jüngste: Justin Sonder ist 90 Jahre alt. Erna de Vries, die zierliche weißhaarige Dame neben ihm ist 92 und Leon Schwarzbaum wird in zehn Tagen seinen 95. Geburtstag feiern. Dass sie so alt werden konnten, dass sie in den nächsten Tagen vor dem Landgericht in Detmold ihre Geschichte erzählen können, ist ganz und gar nicht selbstverständlich.

Justin Sonder, Erna de Vries und Leon Schwarzbaum haben Auschwitz überlebt, "einen der entsetzlichsten Orte der Menschheitsgeschichte", wie es Christoph Heubner, der Vizepräsident des Internationalen Auschwitzkomitees, sagt.

In Detmold wollen sie mit ihren Aussagen das anschaulich machen, was die Anklage dem 94-jährigen ehemaligen SS-Unterscharführer Reinhold Hanning vorwirft: Beihilfe zu Mord an mindestens 170 000 Menschen - Mord durch Giftgas, durch Erschießen und durch Verhungernlassen.

Leon Schwarzbaum kam im Juni 1943 nach Auschwitz, vier Wochen nachdem seine Eltern dorthin verschleppt worden waren. Als ein Mitgefangener ihm die Häftlingsnummer in den Arm tätowierte - er weiß sie noch immer: 32642 - fragte er ihn, wo die Eltern sein könnten. "Alle vernichtet", sagte der andere. Es blieb Leon Schwarzbaum nicht verborgen, auf welche Weise: "Die Schornsteine der Krematorien spuckten Feuersäulen aus, so hoch wie die Schornsteine selber. Der Geruch nach verbranntem Fleisch war kaum zu ertragen. "Ich sah schreckliche Dinge", sagt Schwarzbaum. "Ein Lastwagen vollgepackt mit nackten Menschen. Sie schrien und weinten, sie hoben die Hände zum Himmel, als ob sie Hilfe von Gott erwarteten." Aber es kam keine Hilfe.

Er war kein Schlosser, aber sie nahmen ihn trotzdem

Leon Schwarzbaum überlebte, weil er sich meldete, als Leute von der Firma Siemens nach Schlossern und Feinmechanikern suchten. Er war kein Schlosser und kein Feinmechaniker, er hatte gerade Abitur gemacht, aber sie nahmen ihn trotzdem.

Justin Sonder stammt aus Chemnitz, man hört es an seiner Sprache. Er weiß noch, wie die Gestapo kam, am 27. Februar 1943, um sechs Uhr früh. Sie brachten ihn nach Dresden, dort wurde er mit vielen anderen in einen Güterzug verladen. "Es gab nur einen Eimer für die Notdurft, der war schnell übergelaufen." Die Ankunft in Auschwitz: "Eine schneebedeckte Fläche. Ein Inferno; Kinder schrien nach ihren Eltern, Frauen nach ihren Männern. Hunde, gebrüllte Befehle. Sie fragen jeden nach dem Alter. Ich sagte '17, Monteur'. Nach links. Das war meine erste Selektion." Links hieß: Überleben, vorerst.

17 Selektionen habe er überlebt, berichtet Justin Sonder. "Ich bin der Sprache nicht mächtig genug, um zu beschreiben, was das bedeutet. Das war schlimmer als die schwere Arbeit, schlimmer als der fürchterliche Hunger." Morgens um sechs kommen SS-Männer in die Baracke. Alle Gefangenen müssen sich ausziehen, splitternackt. Dann kommt das Warten. "Mal eine halbe Stunde, mal vier Stunden. Du denkst die ganze Zeit: Gelingt es mir noch einmal, zu überleben? Oder bist du in einer Stunde tot?"

"ich wollte nur noch einmal die Sonne sehen"

Erna de Vries hätte nicht nach Auschwitz gehen müssen. Sie war, nach den Gesetzen der Nazis, Halbjüdin. Der Vater, früh verstorben, Christ, die Mutter Jüdin. Sie wollte die Mutter nicht verlassen, als sie nach Auschwitz deportiert wurde, also ging sie mit. Sie war 19. Sie hatte offene Wunden an den Beinen, von den Wanzen und den Läusen, und die Wunden entzündeten sich, weil sie jeden Tag bis zum Bauch im schmutzigen Wasser eines Fischteichs stehen musste, um Schilf zu schneiden.

Sie war so krank, dass sie bei einer Selektion ausgesondert wurde, zum Tod in der Gaskammer. "Ich war schon im Block 25, im Todesblock. Dann war Zählappell, die Frauen wurden rausgetrieben, ich habe mich auf die Erde fallen lassen, sie trampelten über mich weg. Ich habe gebetet; ich wollte nur noch einmal die Sonne sehen. Dann kam ein SS-Mann und rief meine Nummer."

Erna de Vries überlebte, weil sie Halbjüdin war. Mit anderen sogenannten Mischlingen wurde sie ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück gebracht. Vorher war es ihr gelungen, ihre Mutter noch einmal zu sehen. "Sie sagte: Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat." Deshalb, sagt Erna de Vries, sei sie jetzt in Detmold, um als Zeugin auszusagen.