Atomkrise in Asien Die Angst vor dem großen Knall

Weil Nordkorea mit einem oberirdischen Nukleartest über dem Pazifik droht, schicken die USA Bomber auf Patrouillenflug und fragen sich, ob ihre Raketenabwehr im Notfall eigentlich funktionieren wird.

Von Stefan Kornelius

Der Austausch von Drohungen und Gegendrohungen zwischen Nordkorea und den USA hat mit der Ankündigung eines offenen Atomwaffentests im oder über dem Pazifik einen neuen Höhepunkt gefunden. Sicherheitsexperten in aller Welt sind nun in heller Aufregung, Eskalationsszenarien für einen Krieg zwischen den beiden Ländern gewinnen plötzlich an Bedeutung. In diese Szenarien passt auch ein Flug von US-Bombern über neutrales Gebiet entlang der nordkoreanischen Grenze am Samstag: Der Einsatz sollte von Pjöngjang unverkennbar als US-Machtdemonstration verstanden werden.

Nordkorea-Experten und Nuklearwissenschaftler verweisen nach dem jüngsten Raketentest und der unterirdischen Detonation mutmaßlich einer Wasserstoffbombe auf zwei letzte Lücken im nordkoreanischen Atomprogramm: Erstens muss das Regime noch beweisen, dass es einen nuklearen Sprengkörper auf der Spitze einer Rakete ins All schießen und wieder in die Erdatmosphäre eintreten lassen kann, ohne dass die Bombe verglüht oder funktionsunfähig wird. Zweitens fehlt ein Nukleartest über der Erdoberfläche. Die bisherigen sechs nordkoreanischen Atomtests wurden unterirdisch gezündet.

Pjöngjang kann seine Bombe auf eine Rakete setzen - oder auf einem Schiff im Pazifik zünden

Die Ankündigung von Außenminister Ri Yong-ho am Rand der UN-Tagung Ende vergangener Woche in New York scheint zu bestätigen, dass das Regime in Pjöngjang diese Lücken zu schließen versucht und so den Beweis erbringen will, dass es tatsächlich Atommacht ist. Ri Yong-ho, der vor den UN einen Raketenangriff auf die USA "unvermeidbar" nannte, sagte, Machthaber Kim Jong-un erwäge als "Maßnahme auf allerhöchster Ebene" den "größtmöglichen Wasserstoffbombentest im Pazifik".

Einer von zweien, die drohen: US-Präsident Donald Trump, hier auf Bildschirmen in einem südkoreanischen TV-Markt, macht ähnlich markige Sprüche wie sein Gegner, Nordkoreas Diktator Kim Jong-un. Er verspottet ihn als Raketenmännchen, der Koreaner nennt den Amerikaner senil.

(Foto: Ahn Young-joon/AP)

Oberirdische Nukleartests hat es seit 1980 nicht mehr gegeben; sie sind mit enormen Risiken verbunden. Entsprechend nervös reagierten US-Experten. In Washington fragt man sich, ob ein solcher Test verhindert werden könnte. Die nächste Frage ist, ob die Verhinderung des Tests automatisch zur Eskalation bis hin zu einem Krieg mit Nordkorea führen könnte. Mehrere Szenarien sind denkbar: Nordkorea könnte eine Wasserstoffbombe tatsächlich mit einer Langstreckenrakete wie der zuletzt getesteten Hwasong 14 verschießen und nach Wiedereintritt in die Atmosphäre in mehreren Hundert Metern Höhe über neutralem Gebiet im Pazifik zünden. Alternativ könnte die Bombe auf einer Mittelstreckenrakete verschossen werden, möglicherweise von einem U-Boot aus. Variante drei könnte sein, dass Nordkorea noch einen Langstreckentest unternimmt, mit einer Rakete ohne Sprengkopf. Die Bombe selbst könnte stattdessen auf einem Schiff im Pazifik gezündet werden.

Alle Varianten und möglichen Abwehrszenarien werden vom US-Militär durchgespielt. Nach der Ankündigung des Außenministers muss damit gerechnet werden, dass jede in Nordkorea gestartete Mittel- oder Langstreckenrakete einen Atomsprengkopf tragen könnte. "Das wäre ein Albtraum für die Region", sagte die frühere Unterstaatssekretärin des US-Außenministeriums, Heather Conley, der New York Times. Wie dieser Test technisch verhindert werden kann, ist indes unklar. Theoretisch ist das US-Militär in der Lage, Raketen vor und nach dem Start oder in der Eintrittsphase abzufangen und zu zerstören, vor allem wenn es sich um Flugkörper mit nur einem Sprengkopf handelt. Allerdings sind weder die US-Raketenabwehr in Japan noch die auf Schiffen im Pazifik montierten Systeme getestet worden. Sollte das Raketenabwehrsystem versagen, wäre die Wirkung für die USA und ihre pazifischen Alliierten verheerend.

Ebenso gefährlich wäre aber ein erfolgreiches Abfangmanöver. Es ist unklar, ob ein nordkoreanischer Nuklearsprengkopf doch zündet, wenn er - etwa über koreanischem oder japanischem Gebiet - von einer US-Gegenrakete getroffen wird. Sicher ist nur, dass die USA und ihre Verbündeten wie Japan nun sämtliche Schiffsbewegungen aus Nordkorea verfolgen werden.

Das größte Risiko aber trifft Nordkorea selbst. Mit einem überirdischen Atomtest mit einer Rakete riskiert es einen Präventivschlag der USA auf die Abschussrampen. Und selbst wenn die Startvorbereitungen nicht entdeckt würden, bleibt das Risiko beim Start: Die Hwasong 14Rakete kann noch nicht als zuverlässiger Typ bezeichnet werden. Eine Explosion während der Startphase könnte damit eine Nuklearkatastrophe in Nordkorea selbst auslösen.

Explodiert die Atomrakete beim Start, hat Diktator Kim eine Katastrophe im eigenen Land

Gelänge Nordkorea eine Detonation über dem Pazifik, sind die Folge gleichermaßen verheerend. Radioaktive Strahlung würde Atmosphäre und Gewässer belasten; die Folgen für Menschen und Tiere wären unabsehbar. Da Nordkorea Raketentests nie ankündigt, könnte ein Nukleartest auch Verkehrsflugzeuge oder die Schifffahrt treffen. Vor allem ist die Reaktion von US-Präsident Donald Trump auf einen offenen Nukleartest Pjöngjangs nicht vorhersehbar: Er drohte Nordkorea und seinem Regime im Verlauf der Atomkrise mit der Vernichtung. Der US-Bomberflug an die Nordspitze des nordkoreanischen Grenzgebiets sollte laut Pentagon jedenfalls demonstrieren, dass die USA mehrere militärische Optionen gegen die Bedrohung aus Nordkorea zur Verfügung hätten.

Seit dem Bau der Atombombe gab es mehr als 2000 offene Tests der Waffe, was zu einer massiven atomaren Verstrahlung vor allem der Testgebiete, aber auch der Atmosphäre beigetragen hat. 1980 unternahm China dann den letzten überirdischen Atomtest, als es eine nuklear bestückte Rakete über einer Salzwüste im Westen des Landes zündete. Raketentests gelten dabei als besonders gefährlich, weil das Trägersystem beim Start explodieren oder beim Flug die Steuerung ausfallen kann. Der bisher einzige US-Test solcher Art 1962 führte ein Jahr später zu einem Vertrag über den Stop oberirdischer Tests oder Unterwassertests. Dieser Vertrag wurde von den USA und anderen Nuklearmächten unterzeichnet. Der erweiterte Teststop-Vertrag von 1996 (Comprehensive Test Ban Treaty) verbietet sämtliche Tests. Er wurde von 166 Nationen ratifiziert, nicht aber von Nordkorea oder den Nuklearmächten China, Indien, Pakistan und Israel. Auch Iran als potenzielle Atommacht verweigert sich. In den USA selbst sind mehrere Regierungen mit dem Wunsch nach Ratifizierung am Kongress gescheitert. Dort wird argumentiert, dass die USA die Testoption nur aufgeben können, wenn andere Nuklearmächte und vor allem China ebenfalls unterzeichnen.

Unterdessen wurde ein Erdbeben der Stärke 3,5 in Nordkorea registriert. Experten in China und Südkorea beeilten sich zu versichern, es habe keinen neuen Nukleartest gegeben. Entweder sei es nach dem letzten Test vom 3. September zu Tunneleinstürzen oder tektonischen Verschiebungen gekommen, oder das Beben habe natürliche Ursachen gehabt.