Arbeit Zufriedener im Job

Der Mindestlohn "wirkt, er funktioniert, er ist gelebter Alltag", sagte Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) 2016, nachdem das Kabinett ihre Verordnung zur Lohnuntergrenze gebilligt hatte.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Forscher stellen positive Auswirkungen des Mindestlohns auf Arbeitsbedingungen fest. Das liegt nicht nur am besseren Gehalt.

Von Moritz Geier

Die Einführung des Mindestlohns soll Arbeitsbedingungen verbessert und Beschäftigte insgesamt zufriedener gemacht haben - nicht nur wegen der höheren Bezahlung. Forscher des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung kommen in einer Studie zu dem Ergebnis, dass sich für die Betroffenen zwar die Anforderungen erhöht hätten; die Arbeitszeit dagegen habe sich verringert, schreiben sie. Arbeitnehmer könnten daher Beruf und Familie besser in Einklang bringen.

Der allgemeine gesetzliche Mindestlohn wurde in Deutschland am 1. Januar 2015 gegen den Widerstand der Arbeitgeber und deutscher Wirtschaftsverbände eingeführt, er betrug zunächst 8,50 Euro pro Stunde und liegt seit 2017 bei 8,84 Euro. Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung befürwortet den Mindestlohn. Für ihre Studie haben die Autoren Antworten von 344 Beschäftigten ausgewertet, die zuvor von der Bundesagentur für Arbeit befragt worden waren. Diese Arbeitnehmer hatten 2014 weniger als 8,50 Euro verdient und 2015 im gleichen Job gearbeitet. Die Antworten verglichen die Autoren mit Angaben von vergleichbaren Arbeitnehmern, die 2014 ein Gehalt knapp über dem Mindestlohn bekamen.

Die Stundenlöhne der Mindestlohnberechtigten stiegen demnach von durchschnittlich 6,71 Euro im Jahr 2014 auf 8,20 Euro nach Einführung des Mindestlohns 2015. Dass der Betrag unter dem gesetzlich festgeschriebenen Mindestlohn von damals 8,50 Euro liegt, erklären die Studienautoren Toralf Pusch vom WSI und Miriam Rehm von der Arbeiterkammer Wien mit den Umgehungsmöglichkeiten, die es 2015 vor allem bei Minijobbern noch gegeben habe. Das durchschnittliche Lohnwachstum um etwa 22 Prozent habe das der Vergleichsgruppe trotzdem bei Weitem übertroffen - es liegt bei 3,7 Prozent.

Dass Mindestlohnverdiener mit ihrem Arbeitsplatz insgesamt zufriedener seien, habe aber noch andere handfeste Gründe, argumentieren Pusch und Rehm. Die Qualität ihres Arbeitsplatzes habe sich für die Mindestlohnverdiener vor allem auch verbessert, weil ihre wöchentliche Arbeitszeit um etwa 1,4 Stunden auf durchschnittlich 30,2 Stunden in der Woche gesunken sei. Vor allem für Beschäftigte mit überlangen Arbeitszeiten von mehr als 45 Stunden pro Woche habe sich die Situation seit 2015 deutlich verbessert. "Die Stundenreduktion bei den Mindestlohn-Berechtigten war also zum Teil eine Überstundenreduktion", schreiben die Autoren der Studie, die das Fachmagazin Wirtschaftsdienst veröffentlichte.

Pusch und Rehm konstatieren insgesamt eine "Aufwertung der Arbeit". In der Befragung berichten die Mindestlohnbeschäftigten im Unterschied zur Kontrollgruppe über mehr Arbeit und anspruchsvollere Tätigkeiten. "Offensichtlich ist es vielen Arbeitgebern gelungen, die höheren Lohnkosten auszugleichen, etwa durch eine höhere Produktivität", heißt es in der Studie. Auch das Betriebsklima unter Kollegen und das Verhältnis zu den Vorgesetzten habe sich verbessert, finden die Mindestlohnbeschäftigten. Ihre Chancen, im Betrieb aufzusteigen und beruflich voranzukommen, schätzen sie jedoch negativer ein als die Kontrollgruppe.

Die Autoren werten ihre Erkenntnisse als Indiz dafür, dass "Unternehmen einerseits auf Arbeitsverdichtung und andererseits auf verstärkte Motivation setzen". Ersteres deckt sich mit Erkenntnissen der Mindestlohnkommission, die dessen Auswirkungen im Auftrag der Bundesregierung untersucht hat.