Antiterrorkampf in Afghanistan Karsai erhebt schwere Vorwürfe gegen den Westen

Afghanistans Staatschef Karsai stellt dem Westen für seinen Antiterrorkampf ein vernichtendes Zeugnis aus.

(Foto: AFP)

Keine Strategie, kein Respekt: Afghanistans Präsident Karsai übt im SZ-Interview schwere Kritik am westlichen Einsatz in seinem Land. Das eigentliche Problem hätte die Nato in ihrem Kampf gegen den islamistischen Terror überhaupt nicht erkannt.

Von Tobias Matern, Kabul

Präsident Hamid Karsai hat scharfe Kritik am westlichen Einsatz in Afghanistan geübt. Dem Antiterrorkampf mangle es an einer nachvollziehbaren Strategie. "Der Westen hat nicht die Rückzugsgebiete der Terroristen bekämpft, nicht ihre Trainingscamps", sagte der Staatschef der Süddeutschen Zeitung in einem Gespräch im Kabuler Präsidentenpalast. Das eigentliche Problem liege im Nachbarland Pakistan und sei nicht angegangen worden.

"Wie kann das logisch sein, wie kann man da zu Ergebnissen kommen", sagte er. Auch bemängelte Karsai, dass seine Regierung vom Westen respektlos behandelt worden sei. "Wir möchten, dass diese Beziehungen besser funktionieren, wir möchten wie Verbündete behandelt werden, nicht wie ein Gegenstand", sagte er.

Der Paschtune, der während der Taliban-Herrschaft im Exil gelebt hatte, wurde kurz nach dem Sturz des Islamisten-Regimes im Jahr 2001 zunächst Übergangspräsident Afghanistans. Bei den Wahlen in den Jahren 2004 und 2009 holte er die meisten Stimmen, auch wenn es vor allem während der letzten Abstimmung zahlreiche Unregelmäßigkeiten gegeben hat.

2014 stellt für Afghanistan eine Zäsur dar: Der Westen zieht seine Kampftruppen vom Hindukusch ab und Karsais Amtszeit endet - er darf laut Verfassung nicht mehr antreten. In der Opposition in Kabul heißt es, Karsai werde es dennoch versuchen, sich im Amt zu halten. Doch der Staatschef dementierte dies. Er werde nach der Wahl "ein Ex-Präsident sein", der nicht ins Exil gehen, sondern bleiben wolle.

Wiederaufbau verläuft schleppend

Karsais Vorgänger im Amt, Mohammed Nadschibullah, war nach dem Rückzug der Sowjetunion vom Hindukusch zunächst gestürzt und später ermordet worden. Dieses Schicksal sieht John Bolton, der ehemalige amerikanische UN-Botschafter, auch auf Karsai zukommen. "Ich glaube, er wird von einem Laternenpfosten baumeln", sagte Bolton über die Zeit nach dem Ende des Einsatzes der US-Kampftruppen.

Die Chancen, bis zum Abzug des Westens mit den Taliban einen Friedensschluss zu erreichen, sind inzwischen gering. Karsai sagte, seine Regierung habe sporadische Kontakte mit den Islamisten, es gebe jedoch keine Verhandlungen. Er rief die Taliban auf, die Waffen niederzulegen und sich am politischen Prozess zu beteiligen. Taliban-Anführer Mullah Omar könne 2014 Präsidentschaftskandidat werden und "den Afghanen die Möglichkeit geben, für ihn oder gegen ihn zu stimmen". Am Wochenende besuchte Karsai zum ersten Mal das Wüstenemirat Katar, dort sollen die Taliban ein Verbindungsbüro eröffnen. Allerdings hieß es aus seiner Delegation, es habe keine Gespräche gegeben.

Nach anfänglicher Sympathie wird Karsai im Westen nun als Hindernis für den Fortschritt in Afghanistan gesehen. Zwölf Jahre nach dem Sturz der Taliban bleibt die Sicherheitslage prekär, auch ist wenig gegen die Korruption unternommen worden. Karsai macht dafür auch die westliche Vergabepraxis von Aufträgen verantwortlich. Etliche Milliarden Dollar, die für den Wiederaufbau vorgesehen waren, sind versickert.

Das vollständige Interview mit Hamid Karsai lesen Sie in der Dienstagsausgabe der Süddeutschen Zeitung.