Antisemitismus in Deutschland Eine Frage der Solidarität

Kundgebung "Wehret den Anfängen!": Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, spricht auf dem Platz der Opfer des Nationalsozialismus in München.

(Foto: dpa)

Der Gaza-Konflikt und die Antisemitismus-Debatte: Viele Juden erleben die "kummervollste Zeit seit 1945", sagt Charlotte Knobloch - und beklagt ein mangelndes Zusammenstehen gegen Antisemitismus. Nur: Zu welcher Art von Solidarität wird da eigentlich aufgerufen?

Kommentar von Detlef Esslinger

Manchmal trifft ein Redner den wunden Punkt, ohne es zu merken. Solch einen Moment gab es soeben in München. Die Israelitische Kultusgemeinde hatte zu einer Kundgebung gegen Antisemitismus aufgerufen, und ein Weihbischof sagte, er stehe "hier in Vertretung für die Katholiken in unserem Land".

Genau das empfanden die Veranstalter als den Kern des Problems: dass all die Katholiken nicht selber kamen, sondern sich gerne vertreten ließen. Wie kann das sein? Viele Juden erleben die "kummervollste Zeit seit 1945", wie ihre Repräsentantin Charlotte Knobloch sagt. Trotzdem gibt es kaum Solidaritätskundgebungen; und zu der in München kommen bloß ein paar Hundert Leute, die wenigsten sind Nichtjuden.

Unterschiedliche Wahrnehmungen

Ein Grund ist, dass Juden und Nichtjuden die Bedrohung äußerst unterschiedlich wahrnehmen. Juden, deutsche zumal, empfinden es als Angriff auf ihre Existenz, wenn in Folge des Gaza-Kriegs erbärmlichste antisemitische Parolen auf den Straßen gerufen werden; zumal die Polizei dies anfangs zuließ. Nichtjuden wiederum mögen für die Rufer nur Verachtung haben. Allerdings sehen sie auch jetzt in extremistischen Palästinensern sowie allen Ewiggestrigen lediglich den Haufen, den es immer geben wird - der aber diese Zivilisation nicht mehr bedrohen wird.

An dieser Einschätzung ändern weder Wahlergebnisse der NPD im Osten noch der Brandanschlag auf die Synagoge in Wuppertal etwas; letzterer gilt den meisten als einzelnes Verbrechen, nicht jedoch als Menetekel. Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) sagte auf der Münchner Kundgebung, die allergrößte Mehrheit werde mit aufstehen, "wenn es notwendig ist". Genau so meinte er es wohl: wenn.

Welche Solidarität gemeint ist

Es dürfte aber noch einen zweiten Grund geben, warum diese Mehrheit zu Hause bleibt. Die Frage drängt sich ja auf, zu welcher Art von Solidarität eigentlich aufgerufen wird. Fordert der Zentralrat der Juden, fordert die Israelitische Kultusgemeinde wirklich nur das Zusammenstehen gegen Antisemitismus ein? Oder geht es nebenbei nicht auch darum, Solidarität mit der israelischen Regierung sowie die Kulisse dafür zu organisieren? Charlotte Knobloch sorgte sich bei der Kundgebung ja nicht allein "um die jüdische Zukunft in unserer deutschen Heimat". Sondern sie sagte auch: "Wir unterstützen jenes Land (Israel, d. Red.), das stellvertretend für die freie Welt deren Werte gegen den barbarischen Terror verteidigt."

Wer mag solcher Einäugigkeit Beifall klatschen? Im Gaza-Konflikt sind bislang 1300 Palästinenser sowie 56 Israelis gestorben; diese Verhältnisse deuten nicht darauf hin, dass Israel nur das tut, was landläufig unter "verteidigen" verstanden wird.

Israel und die Werte der freien Welt

Seine Luftwaffe bombardiert Schulen, Wohnhäuser und das einzige Kraftwerk, seine Regierung nimmt im Westjordanland den Palästinensern fortwährend ihr Land - der Staat Israel übt physische und strukturelle Gewalt in einem Ausmaß aus, das, aus der Ferne, nur eine Bewertung zulässt: Die Werte der freien Welt gelten ihm nur für die eigenen Bürger etwas. Charlotte Knobloch aber fällt zu der Erbarmungslosigkeit nichts ein, außer sie mit einer pauschalen Bemerkung schönzureden.

Ja, es wäre erfreulich, wenn Zehntausende zu Kundgebungen gegen Antisemitismus kämen. Sie wären kein Indiz für eine objektiv bedrohte Demokratie. Sie wären ein Ausdruck von Herzenswärme, der vielen Juden viele Ängste nehmen würde.

Ins Positive gewendet: Das Beruhigende besteht darin, dass die allermeisten Bürger zu einer solchen Erhebung keinen Anlass sehen. Sie finden, die Juden gehören so selbstverständlich zum Gemeinwesen dazu, dass sie dies nicht extra betonen müssen. Erst recht nicht, wenn die Teilnahme an einer Demo wie Parteinahme für die Regierung Netanjahu aussähe.