Anklage fordert lebenslang Anklage fordert lebenslange Haft wegen Bombe in Bonn

Polizisten untersuchen am 10. Dezember 2012 die Reste einer Tasche. Marco G. soll sie am Bonner Bahnhof deponiert haben, sagen die Ankläger.

(Foto: Meike Böschemeyer/dpa)
  • Nach Überzeugung der Anklage legte Marco G. am 10. Dezember 2012 eine Bombe auf dem Hauptbahnhof in Bonn.
  • Die Bundesanwaltschaft forderte deshalb eine lebenslange Freiheitsstrafe mit besonderer Schwere der Schuld.
  • Zusammen mit Freunden soll der 30-Jährige zudem einen Mord an einem Politiker geplant haben.
Von Annette Ramelsberger, Düsseldorf

Für die Bundesanwaltschaft ist es eindeutig: Der Bonner Familienvater Marco G. ist kein frommer Muslim, der zum Islam konvertiert ist und friedlich mit Frau und Sohn lebte, sondern ein Terrorist, der den Dschihad vor die eigene Haustür tragen wollte. Nach Überzeugung der Anklage legte Marco G. am 10. Dezember 2012 eine Bombe auf dem Hauptbahnhof in Bonn ab - versteckt unter einer Sitzbank am Gleis 1, verborgen in einer blauen Sporttasche. Es sei explosionsfähiger Sprengstoff gewesen, mit einer Zeitverzögerung durch einen manipulierten Wecker versehen.

Und nur weil man nach der Entschärfung der Bombe durch ein Wassergewehr den Zünder nicht mehr fand, bedeutet das für die Anklage nicht, dass diese Bombe nur eine Attrappe war - wie die Verteidigung angibt. Die Bundesanwaltschaft forderte deshalb am Montag - nach einem zweieinhalb Jahre dauernden Prozess - eine lebenslange Freiheitsstrafe mit besonderer Schwere der Schuld für den mutmaßlichen Bombenleger Marco G.

Die Anklage vergleicht das fehlgeschlagene Attentat von Bonn mit dem versuchten Kofferbombenanschlag von Köln nach der Fußballweltmeisterschaft 2006 - auch in Köln hatten die Zünder der Bomben nicht funktioniert. In Köln wie in Bonn hätte es zu einer "Vielzahl an unschuldigen Toten" kommen können, erklärte Oberstaatsanwältin Duscha Gmel am Montag vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf.

Sprengstoff im Kühlschrank

Zuerst soll er eine Bombe am Bonner Hauptbahnhof deponiert, dann mit drei Komplizen einen Mordanschlag geplant haben: Die Bundesanwaltschaft hat Klage gegen Marco G. und drei weitere Männer erhoben. Der Fall zeigt die Gewaltbereitschaft radikalisierter Islamisten. Von Wolfgang Janisch und Annette Ramelsberger mehr ...

Eine Bombe nach dem Rezeptbuch von Al Quaida

Es gebe beim Angeklagten Marco G. "keinen vernünftigen Zweifel an seiner Tötungsabsicht". Die Bombe sei "akribisch und aufwendig" hergestellt worden, für eine Attrappe hätten ein paar Drähte rund um den Wecker genügt. Staatsanwältin Gmel wirft Marco G. vor, sich aus dem Rezeptbuch von al-Qaida bedient zu haben, es trägt den Namen: "Make a bomb in the kitchen of your mom".

Aber für die Bundesanwaltschaft ist Marco G. nicht nur des versuchten Bombenanschlags schuldig. Der 30 Jahre alte Konvertit habe danach sofort einen neuen Anlauf unternommen, um die "Ungläubigen" zu strafen. Er und drei seiner Freunde sollen sich nur zwei Wochen später dazu verabredet haben, den damaligen Vorsitzenden der rechtspopulistischen Partei Pro NRW, Markus Beisicht, zu töten - aus Rache für die von der Partei ausgestellten kritischen Mohammed-Karikaturen. Die Bundesanwaltschaft nennt die Beweislage dafür "geradezu erdrückend".

Mehrere Male waren Marco G. und seine Freunde bereits vor dem Haus des Pro-NRW-Chefs und seiner Familie in Leverkusen gewesen, sie hatten im Auto besprochen, ob sie ihn lieber früh morgens, im Schutz der Dunkelheit, töten sollten, oder abends, wenn er von der Arbeit heimkommt. Sie hatten beratschlagt, wer schießen und wer das Auto steuern sollte - und immer hörten die Ermittler mit. Sie hatten das Auto von Marco G. verwanzt. Seit Anfang 2013 lief die Überwachung. Am Abend des 13. März 2013 griff die Polizei zu. Bis zum Morgen wollte sie nicht mehr warten.

Auf der Anklagebank sitzt neben Marco G., den die Anklage den "geistigen Urheber" nennt, auch der bereits 47 Jahre alte Albanier Enea B., der als Polizist in Spezialeinheiten seines Landes gedient hatte. Er hatte sich als erster im Sommer vergangenen Jahres zu den Vorwürfen geäußert und gestanden, dass er aus Ärger über die Mohammed-Karikaturen unbedingt einem Mitglied von Pro NRW eine "Abreibung" verpassen wollte.

Nur Dilettantismus verhinderte die Explosion

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Beim Hereinkommen hebt er den Zeigefinger zum Himmel

Er nahm die Verantwortung für den versuchten Anschlag auf den Pro-NRW-Chef weitgehend auf sich: Er habe den Parteichef töten wollen, während die zwei jungen Freunde Tayfun S. und Koray D., die zur Tatzeit 24 und 23 Jahre alt waren, nicht wirklich mitmachen wollten. Ihnen sei es nur darum gegangen, einen Supermarkt zu überfallen, um an Geld zu kommen. Oder höchstens die Pro-NRW-Leute zu überfallen. "Eine Schutzbehauptung", sagt die Anklage. Die beiden in Deutschland aufgewachsenen jungen Männer Tayfun S. und Koray D. erklärten, sie hätten einen Mord abgelehnt.

Nur der Hauptangeklagte Marco G. hat sich während des ganzen Prozesses mit keinem Wort geäußert. Er blickt auch am Tag des Plädoyers meist in ein kleines, rotes Buch und murmelt Gebete. Manchmal lächelt er. Beim Hereinkommen hebt er den Zeigefinger zum Himmel.

Die Bundesanwaltschaft misst den Erklärungen der Angeklagten nur "marginalen Beweiswert" zu, sie seien aufeinander abgestimmt. Ihre Briefe, ihre Videos, ihre Audiodateien beinhalteten "radikalste islamistische Propaganda". Die Staatsanwaltschaft erklärt, Enea B. habe zwei Justizwachtmeister mit dem Tod bedroht, Marco G. habe sich in der Haft ein Stichwerkzeug gebastelt und sich scharfe Rasierklingen besorgt.

Die Anklage fordert für Tayfun S., Koray D. und Enea B. Haftstrafen von elf, 13 und 14 Jahren wegen der Verabredung zum Mord und Bildung einer terroristischen Vereinigung. Das Urteil soll im März fallen.

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