Angela Merkel Eine Gewinnerin, die verloren hat

Zum vierten Mal macht sie die Union zur stärksten Kraft im Bundestag. Aber wer dankt der Kanzlerin?

Von Nico Fried

Am Mittag des 25. September steht Angela Merkel in der CDU-Zentrale und versteht die Welt nicht mehr so ganz. Die Kanzlerin ist müde, das ist nicht zu übersehen. Sie hat an diesem Montag die wohl anstrengendste Legislaturperiode ihrer zwölfjährigen Amtszeit hinter sich, mehrere Wochen Wahlkampf mit über 50 Kundgebungen und natürlich den Wahltag selbst. Sie sieht nicht aus wie eine strahlende Siegerin, das versucht sie auch gar nicht. Sie weiß, dass die Union kein tolles Wahlergebnis eingefahren hat. Aber dass sie gewonnen hat, das will sich Merkel dann doch nicht nehmen lassen. Die Union habe "den Regierungsauftrag" erhalten, das ist ihr Schlüsselsatz.

Die Journalisten fragen anders. Es geht um die AfD, die erstmals in den Bundestag eingezogen ist, um die schweren Verluste der CDU und natürlich der CSU, um das schlechteste Ergebnis der Union in der Geschichte der Bundesrepublik. Und es geht um Merkels Verantwortung, um ihre Versäumnisse. Immer wieder. Als sie nach Fehlern im Wahlkampf gefragt wird, antwortet sie: "Ich kann nicht erkennen, was wir jetzt anders machen müssten." Sie meint nur die konkrete Wahlkampfstrategie, aber sie drückt das missverständlich aus. So, wie sie ihn sagt, muss man den Satz auch als Ausdruck politischer Sturheit interpretieren. Merkel ist jetzt die Frau, die behauptet, sie habe nichts falsch gemacht.

Überlebensgroß: Angela Merkel auf einem Wahlplakat an der A 9 bei Hermsdorf.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Es gibt eine beachtliche Distanz zwischen Merkels Erleben dieser Bundestagswahl und der öffentlichen Wahrnehmung. Die Kanzlerin ist stolz darauf, dass die Union mit ihr als Spitzenkandidatin zum vierten Mal stärkste Fraktion geworden ist. Das hat vor ihr nur Helmut Kohl geschafft. Die Kommentare aber beschreiben den Anfang vom Ende dieser Kanzlerin. Merkel misst das Ergebnis an ihrer Lage nach der Flüchtlingskrise, nach mehreren verlorenen Landtagswahlen, nach dem ewigen Streit mit der CSU. Ihre Kritiker hingegen vergleichen das Ergebnis mit den Prognosen wenige Wochen vor der Wahl und mit dem Spitzenergebnis 2013.

Vielleicht liegt die Ursache dieser Diskrepanz am Ende von Merkels vierter Kandidatur in deren Anfang. Merkel hatte lange überlegt, ob sie noch einmal antreten solle, aber die wenigsten haben ihr dieses Hadern abgenommen. Es war bemerkenswert, dass viele, die Merkel oft für ihr Zögern gescholten hatten, ihr ausgerechnet das Zaudern über die eigene Zukunft nicht glaubten. Mit ihrer abermaligen Kandidatur gab sie vermeintlich denen recht, die immer gesagt hatten, sie könne von der Macht nicht lassen. Merkels Auftritte waren jedoch von Anfang an nicht besonders kraftvoll. Ihre Unsicherheit legte sie in geradezu fahrlässiger Weise offen, als sie auf dem CDU-Parteitag in Essen die Parteifreunde fast anflehte: "Ihr müsst mir helfen."

Voll muttiviert? Die CDU gibt sich Mühe, bei Merkels Auftritt am Wahlabend Feierlaune zu verbreiten.

(Foto: Michael Sohn/AP)

Die Geschlossenheit der Union, aber auch der CDU alleine, war brüchig, der Konflikt um die Flüchtlingspolitik unvergessen. Selbst da, wo Einigkeit suggeriert wurde, war die Union gespalten: Das Bekenntnis im gemeinsamen Wahlprogramm, man habe aus den Ereignissen im Jahr 2015 gelernt, bezog sich bei Merkel vor allem auf die Zeit vorher und das europäische Versagen in der Flüchtlingspolitik. In der CSU und Teilen der CDU war hingegen die zeitweise unkontrollierte Aufnahme von fast einer Million Flüchtlingen gemeint. Der Unterschied wurde weggeschwiegen.

Die Fehler der SPD und ihres Kandidaten Martin Schulz sowie der knappe Sieg der CDU bei den Landtagswahlen im Saarland, der überraschende Erfolg in Schleswig-Holstein und der sensationelle Machtwechsel von Rot- Grün zu Schwarz-Gelb in Nordrhein-Westfalen verhalfen der Union im Bund zu einem Stimmungsumschwung. Während Landtagswahlkämpfer normalerweise Rückenwind aus dem Bund erhoffen, war es für Merkel andersrum. Wenige Wochen vor der Wahl galt sie als sichere Siegerin. Etwas Schlimmeres konnte ihr nicht passieren.

Die Vorentscheidung in der Kanzlerfrage half den kleinen Parteien, im Kampf um Platz drei zu mobilisieren. Die Wahlgewinnerin stand am Ende als Verliererin da. Merkel, so sah es nach der Wahl aus, dürfte dennoch ein viertes Mal Kanzlerin werden. Die Jamaika-Koalition, die ein neuer Anfang hätte werden können, ist nach wochenlangen Verhandlungen an der FDP gescheitert. Dennoch: Noch sind Merkel und die Deutschen nicht fertig miteinander.