Aktuelles Lexikon Wahlempfehlung

Was in Deutschland für Stirnrunzeln sorgen würde, ist in Amerika vollkommen üblich: Zeitungen sprechen Wahlempfehlungen für einen bestimmten Kandidaten aus. So jetzt die "New York Times" für Hillary Clinton.

Von Hubert Wetzel

Die New York Times empfiehlt ihren Lesern, bei den Vorwahlen der US-Demokraten für Hillary Clinton zu stimmen. Inhaltlich gesehen ist das wenig überraschend - die Meinungsredakteure einer gemäßigt linken Zeitung finden die Ansichten der gemäßigt linken Kandidatin am besten. Was gerade in Deutschland hingegen immer wieder Stirnrunzeln auslöst, ist die Tatsache, dass überhaupt eine Zeitung eine formelle Wahlempfehlung abgibt, sich also in einem Wettbewerb klar für einen Kandidaten ausspricht. Was hier als unangemessene Einmischung in die Wahlfreiheit der Bürger gesehen wird, ist in Amerika vollkommen üblich (ohne dass dort die Demokratie daran zugrunde gegangen wäre übrigens). US-Zeitungen geben in Wahljahren viele Endorsements ab (to endorse bedeutet: befürworten oder unterstützen). Sie tun das nicht nur für Präsidentschaftsbewerber, sondern auch für lokale Wahlämter. Politiker rufen ebenfalls öffentlich zur Wahl des einen oder anderen Kandidaten auf. Der Wert solcher Empfehlungen ist aber umstritten. In Einzelfällen, wenn eine bestimmte, sehr geachtete und einflussreiche Persönlichkeit ein Endorsement abgibt, mag das einige Wähler beeindrucken. Wenn die New York Times aber Clinton empfiehlt, ist das kaum mehr als Routine. Wenn das Medium oder der Politiker, von dem die Empfehlung stammt, einen schlechten Ruf hat, kann ein Endorsement sogar schaden.