Ärztetag Mediziner-Wunder

Einzige Wunde: Die Skulptur "Sterbehilfe à la Montgomery" erregte bei der Eröffnung des Deutschen Ärztetages Aufsehen.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Früher ging es bei Ärztetagen zumeist hoch her. Diesmal stört nicht mal der Gesundheitsminister. Selbst ein so umstrittenes Thema wie die Sterbehilfe beeinträchtigt die Harmonie offenbar nicht.

Von Guido Bohsem, Frankfurt

Vielleicht sollte man einfach bei den Namen für die Tagungsräume des diesjährigen Ärztetages anfangen, sie verraten einiges über die Veranstaltung. Der Raum für die Rechtsabteilung der Bundesärztekammer (BÄK) heißt "Klausur", der des Organisationsbüros "Kontakt". Der Arbeitsraum für die Journalisten nennt sich "Fantasie" und der Saal, in dem die Delegierten der deutschen Medizinerschaft bis Freitag über Berufspolitik diskutieren werden, "Harmonie".

Und tatsächlich ist dieser Name Programm. Ärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery jedenfalls schien Harmonie zum Schlüsselbegriff für das diesjährige Ärztetreffen in Frankfurt erkoren zu haben. Waren die Eröffnungsreden der BÄK-Präsidenten in der Vergangenheit sehr oft gespickt mit bissigen Attacken auf den jeweiligen Gesundheitsminister, wählte Montgomery (Tagungszimmer-Name: "Accord") diesmal die harmonische Variante des Zusammenspiels.

Zu beklagen hatte Montgomery nur, dass er auch mit anderen Gesundheitspolitikern reden muss

Er attestierte sich und dem anwesenden Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) nicht nur eine sehr gute Zusammenarbeit. Er dankte Gröhe auch für eine Gesprächsatmosphäre, in der Probleme offen angesprochen werden könnten. Zu beklagen hatte er nur, dass er nicht ausschließlich mit dem Minister verhandeln dürfe, sondern das auch noch mit anderen Gesundheitspolitikern der Koalition tun müsse. Hätte Gröhe ein Tagungszimmer im Kongresszentrum beansprucht, er hätte entweder "Mediation" oder vielleicht auch "Kirchentag" zugeteilt bekommen.

Es ist ein Sack guter Nachrichten, den Montgomery ausschüttet: Bei der neuen Gebührenordnung der Ärzteschaft gehe es voran, die Krise bei der Organspende sei bewältigt, beim Aufkauf von Arztpraxen das Schlimmste verhindert, und sogar Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) habe man in Sachen Freihandelsabkommen TTIP auf den richtigen Weg gebracht. Auch wenn man die letzte Aussage getrost bezweifeln darf, für gute Stimmung sorgt sie allemal. Sie dient Montgomerys Absichten.

Der wortgewandte Hamburger Radiologe will auf diesem Ärztetag wiedergewählt werden. Und da möchte er natürlich die Erfolge seiner Amtszeit in der Rede auch gebührend durchschimmern lassen. Misslungenes schiebt er auf die Koalitionspolitiker (außer Gröhe), auf die engstirnigen Regulierer der Europäischen Union, auf die Heckenschützen aus den Krankenkassen und alle anderen Bürokraten außerhalb der Ärzteschaft.

Vor der Veranstaltung hatten Vertreter der Ärzteschaft für eine ärztliche Sterbehilfe protestiert

Einen Gegenkandidaten hat Montgomery aller Voraussicht nach nicht. Er müsste ihn oder sie auch nicht fürchten, weiß er doch die mächtige Ärztegewerkschaft Marburger Bund (Tagungszimmer-Name: "Chorus") auf jeden Fall hinter sich. Und auch die Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV, Tagungszimmer-Name: "VIP-Lounge") behandelt er mit Samthandschuhen. Dabei hätte er allen Grund, die andere große Ärzteorganisation anzugreifen. Denn dort tobt derzeit eine Auseinandersetzung, an der Liebhaber von Intrigen und Machtspielchen ihre helle Freude hätten - jedenfalls dann, wenn sie sich für die komplexen Feinheiten der ärztlichen Honorarverteilung interessierten. Auf unkundige Außenstehende wirkt der KBV-Krach vor allem abstoßend.

Selbst die kleine Demonstration vor der Festveranstaltung in der Paulskirche konnte die Harmonie nicht stören. Dort hatten sich Vertreter der Ärzteschaft versammelt, die für eine ärztliche Sterbehilfe protestierten und Montgomerys harte Haltung dagegen kritisierten. Er hatte im vergangenen Jahr auf die Frage, wer denn den Patienten mit Suizidwunsch begleiten sollte, geantwortet: "Lassen Sie das doch den Klempner, den Apotheker oder den Tierarzt machen, aber eben nicht den Arzt."

Wieder funktionierte das harmonische Zusammenspiel zwischen Gesundheitsminister und BÄK-Präsidenten. In seiner Rede unterstützte Gröhe Montgomery vollständig. Auch er glaube, dass es besser sei, wenn es für Ärzte um eine Begleitung im Sterben, aber nicht um eine Hilfe fürs Sterben gehe.