Ägyptischer Aktivist in Deutschland "Ich bin ein toter Mann"

Seine Website hätte ihn fast das Leben gekostet: Weil der ägyptische Blogger Maikel Nabil Sanad die Armee kritisierte, verhängte der Militärrat eine drakonische Strafe über ihn. Kurz vor der Präsidentschaftswahl will sich Sanad aus der Schusslinie nehmen - und verlässt sein Land.

Von Sarah Ehrmann, Frankfurt am Main

Maikel Nabil Sanad ist schmal, wirkt zerbrechlich, so war das schon immer, doch die Strapazen der vergangenen Monate kann man an den Augenringen ablesen und an der Sorgenfalte zwischen den Augenbrauen. Auf seinem T-Shirt prangt eine Figur mit Atemmaske und Peace-Zeichen - kein zufälliges Detail für den Auftakt der Vortragsreihe des kürzlich freigekommenen ägyptischen Bloggers.

In den kommenden Wochen wird er zusammen mit seinem Bruder Mark durch Deutschland reisen und seine Geschichte erzählen und die seines Landes, das ihn wegen seiner Kritik am Militär in den vergangenen zwei Jahren dreimal verhaften ließ. Sanad berichtet in den hellen Räumen des Presseclubs in Frankfurt am Main von der militärischen Übergangsregierung, die sich anfangs als großer Bruder des Volkes präsentierte, und letzlich jedoch nicht anders handelte, als das Mubarak-Regime - in seinem Fall sogar gnadenloser. Sanad überlebte seine letzte Haft nur knapp: Nach wochenlangem Hungerstreik begnadigte ihn das Gericht im Januar - nur wenige Stunden vor dem Jahrestag der Ägyptischen Revolution.

Höflich bittet Maikel Nabil Sanad um Kaffee, bevor es losgehen soll. Er ist müde und kann sich oft schlecht konzentrieren, seit er im Hungerstreik auf Wasser verzichtete, seine Nieren versagten und er mehrfach ins Koma fiel.

Der 26-Jährige hatte am Sturz des Langzeitpräsidenten Hosni Mubarak mitgearbeitet, ging im Januar und Februar 2011 jeden Tag auf den Tahrir-Platz. Kurz vor Mubaraks Rücktritt verhaften ihn Armeeoffiziere auf dem Weg zu einer Demonstration. Nach zwei Tagen in der Geheimdienstzentrale, wo sie ihn prügeln und sexuell belästigen, setzen sie Sanad in ein Taxi und lassen ihn frei. Als der Oberste Militärrat kurz darauf die Übergangsregierung unter Mohammed Hussein Tantawi übernimmt, befällt den Militärkritiker die Panik: "Ich bin ein toter Mann", schreibt er in seinem Blog.

Er verweigert den Wehrdienst - weil er nicht auf andere schießen will

Denn Sanads Gegner ist weniger Mubarak als das ägyptische Militär im Allgemeinen. Der Konflikt begleitet ihn, seit er ein Teenager ist. Viele, auch sein Bruder Mark, sagen, Maikels Aktivismus sei anders, er habe ein anderes Ziel, gehe andere Wege als die Jugendbewegung des 6. April. Schon vor seinem Hungerstreik erlangt Sanad eine gewisse Berühmtheit in Ägypten: Er verweigert als Erster öffentlich den Militärdienst, weil er sich als Pazifist bezeichnet und nicht auf andere Menschen schießen will.

Aber vor allem, weil er das Militär als Institution ablehnt: "Alles in Ägypten ist seit dem Sturz von König Faruk durch die 'Freien Offiziere' 1952 mit dem Militär verbunden, das Militär nutzt seine Macht, um Freiheit und demokratische Prozesse zu unterdrücken", sagt er in Frankfurt. "Das Militär diskriminiert Frauen, Homosexuelle und andere Religionen, auch Christen und Schiiten." Diese klare Ablehnung und Sanads bekennende Israelfreundlichkeit führen immer wieder zu Irritationen bei seinen Landsleuten. Ob ägyptische Zeitungen lange nicht über ihn berichten wollen oder auf Druck der Regierung nicht dürfen, ist schwer zu sagen.

Wenn Maikel Nabil Sanad spricht, muss man genau zuhören, denn jeder Satz ist ein politisches Statement: "Religionsfreiheit ist ein Menschenrecht, ich selbst bin Atheist", sagt er. Er sähe es lieber, wenn religiöse Gesinnung keine Rolle spielte in der Politik: "Ägyptens religiöse Parteien wollen Religion als Doktrin - und damit in den letzten Winkel des persönlichen Lebens eines jeden eindringen - was ich esse, was ich lese, was ich in meiner Freizeit tue."

Den Diktator losgeworden, aber nicht die Diktatur

Sanad hat seine Thesen zusammengestellt und rattert sie stakkatoartig herunter. Dass er zur Wahl am Mittwoch und Donnerstag nicht in Ägypten sein wird, kümmert ihn nicht: "Ich war im Gefängnis, ich darf sowieso nicht wählen." Er würde es auch nicht. "Das Wahlkomitee würde meine Stimme als Legitimation einer fairen Wahl betrachten - aber die Wahl ist weder gerecht noch transparent." Wer auch immer Präsident werde, sei der, den der Oberste Militärrat sich ausgeguckt habe. "Wie sollen die Wahlen frei sein, wenn es nicht einmal die Rede ist?"

Es war denn auch ein Blogbeitrag über das Militär, der Sanad vor einem Jahr seine längste Haftstrafe einbrachte: Am 8. März listete er detailliert auf, welche Rolle das Militär während der Revolution eingenommen hat, und dass Militär und Volk nie "eine Hand" gewesen seien, wie viele oft auf dem Freiheitsplatz skandiert hatten. Sondern, dass das Militär durchaus versucht habe, die Proteste zu stoppen, Demonstranten verhaftete und misshandelte.

Er listet Quellen auf, zitiert Betroffene und schreibt: "Die Revolution hat es bisher nur geschafft, den Diktator loszuwerden, aber nicht die Diktatur." Eine Kampfansage. Drei Wochen später kamen Soldaten ihn holen.