1. Dezember 2012 12:05 Neue Verfassung für Ägypten Freifahrtsschein ins Paradies für Islamisten

Religiöse Minderheiten und Frauen behandelt die neue ägyptische Verfassung als Menschen mit eingeschränkten Grundrechten. Die Vielfalt islamischer und ägyptischer Kultur fällt dem Tunnelblick religiöser Eiferer zum Opfer. All das interessiert die Muslimbrüder nicht - sie sind Wegbereiter einer Glaubens- und Gesinnungsdiktatur in Ägypten.

Ein Kommentar von Tomas Avenarius, Kairo

Islamisten haben ein krudes Verständnis von einer Verfassung: "Wir werden das Grundgesetz umsetzen, um Gottes Gesetz hochzuhalten, das bisher nur Tinte auf Papier war", feiert ein führender Muslimbruder den gerade vorgelegten Entwurf der neuen ägyptischen Verfassung. Die weltliche Konstitution soll Trittbrett sein für ein anderes, angeblich überirdisches Gesetz? Ein islamischer Rechtsexperte assistiert: "Alle Ägypter, ob Männer oder Frauen, werden sich in dieser Verfassung wiedererkennen."

Wie die zehn Prozent Christen sich in einem stark von der islamischen Scharia geprägten Gesetzestext wiederfinden sollen, ist freilich offen. Auch für die säkular denkenden Ägypter dürfte das ein Problem sein, ebenso für religiöse Minderheiten. Oder für die Frauen - sie behandelt die neue Verfassung als Menschen mit eingeschränkten Grundrechten.

Gottkönig Mursi

All das interessiert die Muslimbrüder nicht. Hauptsache, die Tinte auf Gottes Gesetz trocknet nicht, damit islamistische Politiker behaupten können, einen Freifahrtschein ins Paradies zu haben. In Wahrheit gehören sie schon auf Erden zur Rechenschaft gezogen - das Gezerre um die ägyptische Verfassung trägt die Züge eines Staatsstreichs der Regierenden. Der frei gewählte Islamisten-Präsident Mohammed Mursi hat sein Volk schlicht erpresst. Erst hat er sich "vorübergehend" die Machtbefugnisse eines orientalischen Gottkönigs zugesprochen und dann seinen Preis genannt: Die Machtergreifung wird nur rückgängig gemacht, wenn wir die neue Verfassung bekommen. Der ägyptische Wähler hat also kaum eine Wahl.

Den Verfassungsentwurf selbst haben die Muslimbrüder und ihre noch radikaleren Geisteskinder, die Salafisten, durchgepeitscht, an allen Andersdenkenden vorbei. In naher Zukunft soll es nun ein Referendum über den Entwurf geben. Es steht zu befürchten, dass diese von der Scharia durchtränkte Verfassung angenommen wird. In einem Schwellenland mit einer Analphabetenrate von 50 Prozent dürfte die Lektüre der 234 Einzelartikel in der Wahlkabine noch das geringere Problem sein.

Kairos Mittelschicht mag auf dem Tahrir-Platz gegen Mursi und dessen Islamisten demonstrieren, aber die Menschen auf dem Land sind die Unsicherheit der Dauerrevolution längst leid. Sie leben in wirtschaftlicher Not, sind unpolitisch - und tief gläubig. Die Ägypter über die Scharia in der Verfassung abstimmen zu lassen, ist etwa so, als ließe der Papst die Katholiken im Beichtstuhl befragen, ob Jesus der Sohn Gottes sei oder nicht.

Muslimbrüder und Salafisten schaffen eineinhalb Jahre nach Beginn der Revolte in Ägypten Fakten: Die neue Verfassung ist der erste, der entscheidende Schritt hin zum islamischen Staat. Eine politisch pervertierte Religion und Moral mit Anspruch auf Allgemeingültigkeit soll den Alltag bestimmen - in Politik, Wirtschaft und Kultur, bei der Bildung, in der Ehe, im Privatleben. Das ist totalitär. Christen, gemäßigte Muslime, Säkulare und Freigeister werden zu Menschen zweiter Klasse gestempelt, Frauen auch. Kunst und Kultur werden an Richtlinien gemessen, die nicht ästhetischer, sondern theologischer Natur sind. Die Vielfalt der islamischen und der ägyptischen Kultur fällt dem Tunnelblick religiöser Eiferer zum Opfer. Dass die bärtigen "Verfassungsväter" ernsthaft diskutiert haben, ob neunjährige Mädchen schon verheiratet werden können oder doch erst die Pubertät erreicht haben sollten, sagt alles über diese Rechtsexperten.

Im Grunde sind die viele Muslimbrüder eine religiöse Variante von Lenins Kommunisten - frömmelnde Bolschewiken, die sich als geheimniskrämerische Avantgarde der Muslime sehen. In Wahrheit jedoch sind sie die Wegbereiter einer Glaubens- und Gesinnungsdiktatur in Ägypten.