Zwangsadoptionen in Spanien "Ich habe nach den Gesetzen der Religion gehandelt"

Die Adoptiveltern erfuhren nichts von der Vorgeschichte. Ihnen wurde meist mitgeteilt, die Mutter habe das Kind noch in der Klinik im Stich gelassen. Manchmal hieß es auch, die Mutter sei eine Prostituierte gewesen. Schwester Maria werden mindestens vier Fälle zugeschrieben, sie selbst schweigt dazu. In einem offenen Brief, den offenbar ihre Anwälte für sie verfasst haben, beklagt sie sich über die Jagd auf sie. Sie habe sich nichts zuschulden kommen lassen: "Ich habe nach den Gesetzen der Religion gehandelt."

Die spanische Öffentlichkeit hat die Information schockiert, dass die jüngsten Fälle von Säuglingsraub offenbar erst Anfang der Neunzigerjahre stattgefunden haben, also anderthalb Jahrzehnte nach der Umgestaltung des Landes zur Demokratie. Dahinter werden auch Klinikärzte vermutet, die auf dem grauen Markt für Adoptivkinder ein gutes Geschäft gemacht hätten. Mehrere Dutzend Ärzte wurden bislang dazu im ganzen Land befragt, ein Verfahren wurde aber noch nicht eröffnet.

Auch hat die systematische Auswertung von Krankenhausakten begonnen. Doch die alten Archivbestände sind meist längst in den Reißwolf gegangen. Überdies wurden offenbar oft Dokumente gefälscht. Im Falle der Schwester Maria sieht dies die Staatsanwaltschaft als erwiesen an, Maria ist auch wegen Urkundenfälschung angeklagt.

DNA-Datenbank soll Aufklärung ermöglichen

Allerdings wirft der Verein "SOS Bebés robados" den Behörden vor, an einer Aufklärung der Hintergründe nicht sonderlich interessiert zu sein. Das Verfahren gegen die Nonne, die dem Orden der Barmherzigen Schwestern angehört, zieht sich hin. Offenbar solle es nicht zu Ende gebracht werden. Es drohe seine Einstellung wegen der Prozessunfähigkeit der Angeklagten. Ihre Verteidiger aber verweisen auf ihr hohes Alter, sie sei nur wenig belastbar. Vergeblich hatten sie zuvor auf die Verjährung verwiesen, das Gericht wies ihren Antrag als unbegründet zurück.

Die konservative Regierung in Madrid, die ansonsten nicht an Bürgerkrieg und Franco-Zeit rühren möchte, hat die Brisanz des Themas erkannt. Sie hat die Weichen für die Einrichtung einer DNA-Datenbank gestellt, die Erbgutinformationen sowohl Müttern zur Verfügung stellt, die sich um ihre Kinder gebracht glauben, als auch Adoptivkindern, die ihre Eltern suchen.

Im Falle Quiqert Olivert brachte ein DNA-Test die Gewissheit: Er fand nicht nur seine Mutter, sondern auch eine Schwester, die fünf Jahre nach ihm geboren worden war. Das Schicksal hatte sie weit auseinandergerissen: Er wuchs im andalusischen Huelva in der Südwestecke des Landes auf, seine Angehörigen leben in Bilbao ganz im Norden.