Vermisste Tramperin Sophia L. soll in Oberfranken getötet worden sein

  • Ob es sich bei der im Baskenland gefundenen Frauenleiche tatsächlich um die vermisste Tramperin Sophia L. aus Leipzig handelt, ist noch immer unklar.
  • Staatsanwaltschaft und Polizei halten sich bedeckt und verweisen auf die spanischen Behörden.
  • Ein in Südspanien festgenommener Lkw-Fahrer steht unter dringendem Verdacht, die 28-jährige Frau getötet zu haben. Angeblich soll er seiner Überstellung nach Deutschland bereits zugestimmt haben.
Von Oliver Klasen

Mehr als eine Woche ist es inzwischen her, dass Sophia L. am Autohof in Schkeuditz bei Leipzig in einen Lkw gestiegen ist. Die 28-jährige Studentin will nach Bayern reisen, in ihre Heimatstadt Amberg zu Freunden und zur Familie. Doch dort kommt sie nicht an.

Auch am Freitagnachmittag ist das Schicksal von Sophia L. noch nicht restlos geklärt. Polizei und die zuständige Staatsanwaltschaft in Leipzig halten sich bedeckt. Doch aus den Fakten, die bisher bekannt sind, muss man wohl ableiten, dass die Tramperin wahrscheinlich tot ist.

Frauenleiche in Spanien gefunden

Sie ist bislang nicht eindeutig identifiziert. Ermittler sehen Anzeichen, dass die Tote die vermisste Tramperin aus Leipzig sein könnte. mehr ...

Am Dienstagnachmittag wird nahe der südspanischen Stadt Jaén ein 41-jähriger Fernfahrer festgenommen. Zwei Tage später wird 600 Kilometer weiter nördlich, im Baskenland an der Autovia 1 nahe der Ortschaft Asparrena, eine weibliche Leiche gefunden. Noch ist unklar, ob es sich dabei wirklich um Sophia L. handelt.

Eine gerichtsmedizinische Untersuchung soll zweifelsfrei Aufschluss über die Identität der Toten geben. Die spanischen Polizei- und Justizbehörden hätten ein eigenes Verfahren zur Untersuchung des Leichenfunds eröffnet, "zu dem wir nicht befugt sind, Angaben zu machen", teilte die Leipziger Staatsanwaltschaft mit. Alle Ermittlungen erfolgten aber in enger Abstimmung mit den spanischen Kollegen.

Zu dem festgenommenen Lkw-Fahrer machen die deutschen Ermittler derzeit keine Angaben. In einer Pressemitteilung heißt es jedoch, man arbeite an der Auslieferung des Verdächtigen. Offenbar soll dieser einer Überstellung an die deutschen Behörden bereits zugestimmt haben. Die zuständige Richterin am nationalen Staatsgerichtshof in Madrid habe den 41-Jährigen am Freitag vernommen und anschließend gegen ihn einen Haftbefehl ohne Anrecht auf Freilassung auf Kaution erlassen, berichtet die Nachrichtenagentur dpa und beruft sich auf spanische Justizkreise.

Inzwischen gehen die Ermittler davon aus, dass Sophia L. in Oberfranken getötet wurde. Das sei aufgrund der Auswertungen der GPS-Daten des Lastwagens die wahrscheinlichste Hypothese. Weitere Angaben will ein Sprecher der Polizei in Bayreuth aus ermittlungstaktischen Gründen nicht machen. Es liegt nahe, dass die Ermittler auch Erkenntnisse über den Todeszeitpunkt der in Spanien gefundenen Leiche in ihre Überlegungen einbezogen haben.

Inzwischen hat die Polizei rekonstruieren können, dass der Lkw-Fahrer auf dem Autorastplatz Sperbes an der A9 am 14. Juni von etwa 21:30 Uhr an gut zwei Stunden Pause macht. In Lauf an der Pegnitz, etwa 30 Kilometer von Nürnberg entfernt, übernachtet er und nimmt neue Ladung auf. Dort hält er sich etwa acht Stunden auf, bevor er seinen Fahrt fortsetzt. Da der Tatort in Oberfranken liegen dürfte, haben auch die dortigen Behörden inzwischen die Ermittlungen von ihren Kollegen in Leipzig übernommen. Das ist das übliche Verfahren bei Tötungsdelikten.

Anzeichen für ein Verbrechen gibt es bereits kurz nach dem Verschwinden der Studentin. Am Tag danach wird sie von ihrer Familie als vermisst gemeldet. Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf.

Wie aus Zeugenaussagen hervorgeht, spricht Sophia L. am 14. Juni kurz vor 18 Uhr wohl mehrere Fernfahrer an, ehe sie jemanden findet, der sie mitnehmen will, etwa 250 Kilometer nach Süden bis in die Nähe von Nürnberg. Von dort wäre es nicht mehr weit bis nach Hause. Gegen 19.45 Uhr verschickt Sophia L. von ihrem Handy noch eine Nachricht, die nicht darauf hindeutet, dass irgendetwas nicht in Ordnung wäre. Doch danach gibt es kein Lebenszeichen mehr von ihr.

Vier Mal meldet sich Andreas L., der Bruder der Vermissten, in den vergangenen Tagen auf seinem privaten Facebook-Account zu Wort. Vier Nachrichten, in denen es um seine Schwester geht. Er schreibt auf Englisch, damit möglichst viele Menschen es lesen können. Der Bruder sucht parallel zu den Ermittlungsarbeiten der Polizei selbst nach seiner Schwester, recherchiert im Internet, trägt alle Informationen zusammen, die er finden kann - und er findet sehr schnell eine Menge. Er erreicht gemeinsam mit der in Leipzig wohnenden Cousine von Sophia L., dass die Polizei sich die Bilder der Überwachugskamera ansieht, die routinemäßig auf dem Gelände des Autohofes gemacht werden. Mithilfe dieser Aufnahmen findet Andreas L. heraus, dass der Lkw zur Firma "Benntrans" gehört, einer Spedition, die ursprünglich im Schwarzwald gegründet wurde, dann Insolvenz anmeldete und inzwischen in Tanger/Marokko ihren Sitz hat. Sie hat sich auf den Verkehr zwischen Europa und Marokko spezialisiert.

Familie wehrt sich gegen Hasskommentare

Mit Hilfe von Mautdaten, Bildern aus Verkehrsüberwachungskameras und GPS-Signalen aus dem Navigationsgerät des Lkws lässt sich schließlich der Weg, den der Lastwagen genommen hat, genau rekonstruieren. Niemand kann heutzutage unbemerkt über Europas Autobahnen fahren.

Weil der Verdächtige marokkanischer Abstammung ist, nutzen bereits kurz nach dem Verschwinden Rechtsextreme den Fall für ihre Zwecke und verbreiten Hasskommentare. Familie und Freunde wehren sich in öffentlichen Statements dagegen. "Wir möchten darauf hinweisen, dass die Nationalität eines möglichen Täters nichts mit seinen Taten zu tun hat", schreibt der Bruder der 28-Jährigen am Donnerstag in einem Brief an die Medien. Darin bittet er auch um Sensibilität. Seine Schwester sei in der Unterstützung von Flüchtlingen aktiv und engagiere sich gegen Rechts. "Sophia würde unter keinen Umständen wollen, dass auf ihre Kosten rassistische Hetze betrieben wird, wie es teils schon geschehen ist." Einige Angehörige und Freunde hätten sogar Morddrohungen erhalten. Es sei unerträglich, wie das Verschwinden seiner Schwester von Rassisten instrumentalisiert werde, bevor überhaupt Klarheit herrsche, was passiert sei.

(Mit Material der Nachrichtenagenturen)

Update, 27.06.: In einer ersten Version des Textes hieß es, Sophia L. habe vor dem Einsteigen das Kennzeichen des Lkws fotografiert. Inzwischen haben Recherchen ergeben, dass das so nicht zutrifft. Wir haben die entsprechende Stelle korrigiert.

"In Sophias Namen müssen wir ein Zeichen gegen Rassismus setzen"

Laura und Eva sind Freundinnen der vermissten Sophia und wehren sich dagegen, dass der Fall von Rechten instrumentalisiert wird. mehr... jetzt