Verkehr Schöner strampeln

Wenn es nach einer Gruppe junger Architekten aus der Hauptstadt geht, sieht so die Zukunft des Großstadtverkehrs aus: Der Fahrradhighway unter der Hochbahn.

(Foto: Radbahn Berlin)

Berlin gilt als deutsche Fahrradfahrer-Hauptstadt, doch Radeln ist dort trotzdem recht mühsam. Nun schlagen Architekten eine zweispurige "Radbahn" unter der überirdischen U-Bahn-Linie 1 vor.

Von Verena Mayer

Die Linie 1 der Berliner U-Bahn ist ein Wahrzeichen, seit ihr in dem gleichnamigen Musicalfilm ein Denkmal gesetzt wurde. Darin geht es um ein Mädchen, das neu in Berlin ist und auf der Suche nach ihrem Freund U1 fährt, wo sie dann auf so schräge wie rührende Großstadttypen trifft. Geht es nach einer Gruppe junger Architekten, Stadtplaner und Leuten aus der Berliner Clubszene, könnte die Linie 1 irgendwann noch aus einem anderen Grund über die Hauptstadt hinaus berühmt werden. Sie wollen nämlich unter der Hochbahn einen Fahrradweg errichten. Beleuchtet, mit grünem Belag und fast neun Kilometer lang. Eine Radbahn unter der U-Bahn.

Ein Ort, von dem wahrscheinlich alle Radler träumen können. Mitten in der Stadt und doch geschützt, eine Verkehrsachse selbst im tiefsten Winter. Die "Radbahn Berlin" gibt es zwar nur auf dem Papier, der Plan ist erst seit einigen Tagen öffentlich bekannt. Dennoch könnte der Fahrradweg mehr sein als eine dieser Berliner Ideen, die ständig irgendwo gesponnen werden. Das Projekt hat inzwischen Unterstützer wie den Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele sowie Tausende Facebook-Fans. Mit wenigen Themen holt man die Berliner eben so leicht hinter dem Ofen hervor wie mit dem Radfahren. Am Montagabend wurde die Idee sogar mit dem Bundespreis Ecodesign 2015 in der Kategorie Konzept ausgezeichnet.

Berlin ist zwar einerseits die deutsche Hauptstadt des Fahrradfahrens. Eine halbe Million Leute sind hier täglich auf dem Fahrrad unterwegs, der Anteil des Radverkehrs liegt nach Angaben des Berliner Senats bei 15 Prozent. Nirgendwo gibt es zudem so wenige Autobesitzer. Während bundesweit 550 Autos auf tausend Einwohner kommen, sind es in Berlin gerade mal 341, damit rangiert die deutsche Hauptstadt in Sachen Pkw-Dichte auf einem Niveau mit Katar, Kroatien oder Bulgarien. Andererseits ist Fahrradfahren in Berlin oft ziemlich mühsam. Es gibt zu wenige Radwege, und die verlaufen noch dazu sehr oft auf den Bürgersteigen, weshalb sich alle zwischen Baumwurzeln und Fußgängern durchschlängeln müssen, und ständig brüllt einer in die Menge: "Das ist ein Radweg, Alter!" Gefährlich ist Radfahren in Berlin ebenfalls. Allein seit Anfang des Jahres 2015 starben acht Menschen. Die meisten Unfälle passieren, weil Radfahrern die Vorfahrt genommen wird.

Die Brachflächen unter der U-Bahn-Trasse könnten belebt werden mit Läden

Das wäre unter der Trasse der Linie 1 kaum möglich. Dort steht nun Matthias Heskamp, ein junger Architekt, und guckt hoch zu den spitz zulaufenden Streben, die etwas von einem Kirchenschiff aus Metall haben. Vor ihm liegt ein langer, schmaler Streifen, der mal am Wasser vorbeiführt, mal an U-Bahnhöfen oder lärmenden Durchzugsstraßen. Manchmal stehen geparkte Autos unter der Hochbahn, manchmal fliegen auf einem idyllischen Uferweg Taubenschwärme auf. An den Kreuzberger U-Bahnhöfen strömen die Szenegänger durch oder treffen sich an dem wunderschönen alten Toilettenhäuschen, das zu einem Imbiss namens "Burgermeister" umfunktioniert wurde. Aber ansonsten ist der Streifen unter der Hochbahn der Linie 1 typisches Berliner Brachland. Es gibt sehr viel davon, und es schreit danach, benützt zu werden. Matthias Heskamp sieht das alles schon vor sich: Zwei Spuren für Radfahrer, und am Rand und an den U-Bahnhöfen warten dann Fahrradständer, Reparaturbetriebe oder kleine Läden.

Heskamp arbeitet eigentlich für ein internationales Architekturbüro, er hat in Portugal gelebt und ist viel in der Welt herumgekommen. In asiatischen Megacitys hat er gemerkt, wie viele Ebenen eine Stadt haben kann. Und dass auch unterhalb von Autobahnbrücken oder Bahntrassen urbanes Leben möglich ist. Dieses soll auf der Berliner Radbahn "gemächlich in Trauben unterwegs sein und von A nach B fahren", sagt Heskamp. Es gehe ihnen eher "um ein entspanntes Vorankommen" als um Radschnellwege, über die man mit 30 Stundenkilometern brettern kann, wie das etwa in der Region München diskutiert wird.

Einen "Platz zum Kennenlernen" nennt es Simon Wöhr die Radbahn. Wöhr ist Kulturmanager und hat eine typische Berlin-Biografie. In den Nullerjahren kam er zum Studium, fasste Fuß in der Club-Szene. Er hat für die legendäre Bar 25 gearbeitet, eine Wiese am Wasser, auf der zwischen grob zusammengezimmerten Hütten Techno getanzt wurde. Danach hat er versucht, zusammen mit anderen ein so genanntes Kreativ-Dorf zu errichten, mit Räumen für Künstler, Clubs und Läden. Jetzt will er das Niemandsland an der U-Bahn-Trasse bespielen. Das wilde Hauptstadtleben soll dann nicht mehr in der Linie 1 stattfinden, so wie einst im Musical. Sondern darunter.

Wie das alles genau funktionieren soll, wissen die Initiatoren noch nicht. Auch nicht, was die Radbahn kosten und wer sie bezahlen soll. Sie sagen nur, dass sich eine Stadt wie Berlin eine moderne Infrastruktur für Fahrradfahrer etwas kosten lassen müsse. Einen gewissen politischen Willen gibt es dafür, zumindest betont Berlins Bürgermeister Michael Müller gern, dass Mobilität in Zukunft ohne viel CO2 auskommen müsse. Allerdings hat die zuständige Senatsverwaltung für Stadtentwicklung schon Bedenken angemeldet. Die Radbahn sei zwar eine interessante Idee, heißt es, aber wohl schwer zu verwirklichen.

Simon Wöhr und Matthias Heskamp spazieren weiter unter der Trasse hindurch. Oben rattert alle paar Minuten eine gelbe U-Bahn über sie hinweg, draußen wird das Schneegestöber immer dichter. Das hier, sagt Matthias Heskamp und breitet die Arme aus, wäre die erste überdachte Fahrradstrecke der Welt. Und wie heißt es im Musical "Linie 1" so schön: "Leben ist hoffen."