Verbot von Spielzeugwaffen in Brasilien Tausche Pistole gegen Bücher

Wie bekämpft man Gewalt durch Schusswaffen? Indem man Kindern ihre Spielzeugpistolen wegnimmt. Mit dieser Methode versucht zumindest die Regierung in Brasilien das Schusswaffen-Problem im Land einzudämmen.

Von Larissa Holzki

An einem Augusttag in Sao Paulo erschießt ein 13-jähriger Brasilianer seine Eltern, seine Großmutter, seine Großtante und sich selbst. Ein brasilianischer Priester wird bei einem Überfall in Fortaleza von zwei Jugendlichen erschossen. Fälle wie diese gehören zum Alltag in Brasilien; in dem Land sterben jährlich 35.000 Menschen durch Schusswaffen. Bei den 15- bis 24-Jährigen ist die Schusswaffe sogar die häufigste Todesursache. Das soll sich ändern - aber ist es dafür hilfreich, nicht echte Waffen zu verbieten, sondern lediglich Spielzeugwaffen? Brasilianische Behörden finden: Ja.

Ab sofort sind im Bundesdistrikt Brasília rund um die gleichnamige Hauptstadt Spielzeugwaffen per Gesetz verboten. Die Behörden wollen so verhindern, dass sich Kinder an Waffen gewöhnen - und später selbst benutzen. Das Herstellungs- und Verkaufsverbot gilt dabei nicht nur für Plastikpistolen, die echten Waffen täuschend ähnlich sehen. Untersagt sind künftig sowohl Wasser-, Schaum und Laserpistolen als auch solche, die nur Schussgeräusche machen.

Zwar trat vor zehn Jahren unter Präsident Lula ein Entwaffnungsgesetz in Kraft, das Zivilpersonen das Tragen von Waffen verbietet. Doch brasilianische Journalisten berichten, dass der Verkauf von Schusswaffen an Privatleute seit 2007 exponentiell steigt. Allein im vergangenen Jahr sollen etwa 31.500 Waffen verkauft worden sein.

Überfälle mit Spielzeugpistolen

Bisher gibt es keine Studien darüber, ob Kinder, die mit Waffen spielen, später mehr Verbrechen begehen als andere. Doch im Hinblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr, versucht die Regierung mit allen Mitteln, die Gewalt in dem Land einzudämmen. Sie rechtfertigt das nun beschlossene Gesetz mit dem Ziel, eine Kultur der Gewaltfreiheit etablieren zu wollen. Die Staatssekretärin für den Schutz von Gewaltopfern, Valéria Velasco, sagte der Zeitung Folha de São Paulo, das Gesetz solle Überfällen vorbeugen und bei Kindern ein Bewusstsein für die Gefahren von Waffen schaffen.

Nach Ansicht des brasilianischen Sicherheitsexperten Daniel Lorenz, kann die Gewalt auf den Straßen sogar sofort zurückgehen, wenn die Nachbildungen aus den Spielzeugläden verschwinden. "Für Laien ist es oft sehr schwierig, Attrappen zu erkennen", sagte er der Zeitung O Globo. Die Polizei habe die Erfahrung gemacht, dass sogar knallbunte Spielzeugpistolen von Tätern schwarz angemalt werden und im Moment des Überfalls die gleiche Wirkung auf die Opfer hätten, wie echte Waffen.

Bei den brasilianischen Bürgern ist das Verbot umstritten. Ein Vater sagte O Globo, er halte Wasserpistolen für unproblematisch, weil sie für jeden als Spielzeug zu erkennen seien. "Geniale Idee", war auf Twitter zu lesen, ebenso wie der höhnische Kommentar: "Wenn du nicht in der Lage bist, das Verbrechen zu bekämpfen, verbiete Spielzeug." Viele stimmten ihm zu.

Viele Kinder in der Stadt Ceilândia, ebenfalls im Bundesdistrikt, haben ihre Spielzeugpistolen bereits freiwillig abgegeben. Mitarbeiter der Behörden tauschen sie gegen Bücher ein. Innerhalb von wenigen Tagen kamen so etwa 500 Waffen zusammen. Verkäufer haben nun ein Jahr Zeit, die Spielzeugwaffen aus dem Regal zu nehmen. Wer gegen das Gesetz verstößt, dem drohen Geldstrafen von mehr als 30.000 Euro und ein Lizenzentzug.