Von Henrik Bork

Kann eine Frau zwei Männer lieben? In Tibet gibt es noch Vielmännerei: Die alte Tradition hat auch ökonomische Gründe - deshalb funktionieren in den Bergen oberhalb des Jangtse Ehen, die sonst nur Stress bedeuten

Rongchalong, im Juli. Achu hat zwei Ehemänner, und das gefällt ihr sehr gut. "So ist das Leben nicht ganz so bitter", sagt die 23-jährige Tibeterin. Mit nur einem Mann auszukommen, das könne sie sich nicht vorstellen. Warum auch? Sie hat nun mal zwei geheiratet, Achun und Yixinimai.

Achu und ihre beiden Ehemänner Achun (links) und Yixinimai vor dem gemeinsamen Haus in Rongchalong. (© Foto: Bork)

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Und alle drei sind zufrieden. Die Vielmännerei, bei der eine Frau zwei oder mehr Ehemänner heiratet, war früher in Tibet weit verbreitet. Heute kommt sie nur noch in wenigen, besonders abgelegenen Bergdörfern vor.

Rongchalong heißt das Dorf, in dem Achu und ihre Männer leben. Es krallt sich wie ein Adlernest in einen Felshang oberhalb des reißenden Goldsandflusses, wie der Jangtse an seinem Oberlauf heißt, knapp hundert Kilometer südlich von Batang. Das Dorf gehört gerade noch zur Provinz Sichuan.

Auf der anderen Seite des Flusses beginnt die ,,autonome Provinz Tibet'', wie Peking sie nennt. Zwei Tagesreisen über Bergstraßen, vorbei an schwindelerregenden Abhängen, umgestürzten Überlandbussen und schneebedeckten Siebentausendern trennen das Dorf vom nächstgelegenen Flughafen in Chengdu.

Die beiden Ehemänner sind Brüder. Achun, der ältere, ist 24, Yixinimai ist 19 Jahre alt. Die Tradition schreibt vor, dass Brüder in Rongchalong stets gemeinsam eine Frau heiraten. Mehr als zehn Familien in dem nur 380 Einwohner zählenden Dorf leben in "fraternaler Polyandrie'', wie Völkerkundler diese seltene Form der Gruppenehe nennen.

Die Brüder auf dem Dach

Achuns und Yixinimais Vater hat die Braut ausgewählt, als sie 15 Jahre alt war. Als Achu 17 war, hat man es ihr gesagt. Zunächst war sie entsetzt. "Als ich es hörte, hatte ich nur Angst'', sagt sie. Fünf Monate nach dem Umzug ins Elternhaus ihrer Männer lief sie davon, rannte die hundert Meter den Berg hinauf, zurück zu ihrer Mutter.

Jetzt aber, sechs Jahre später, ist Achu glücklich. "Jetzt finde ich es richtig gut'', sagt sie. Sie schlägt dabei unter ihrem weißen Strohhut verlegen die Augen nieder. Eine Weile lang kaut sie nur noch auf ihrem Kaugummi herum, bevor sie ganz leise weiterspricht. "Wir haben so viel Arbeit, und zwei Männer im Haus sind eine große Hilfe. So geht es uns wirtschaftlich besser als anderen Familien, in denen es nur einen Mann gibt."

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