Studie zu Kindstötungen Anonymität, die Kinderleben rettet

Großes Glück hinter kleinen Zahlen: Seit zehn Jahren gibt es in Österreich ein Gesetz, das schwangeren Frauen in Not eine anonyme Geburt erlaubt. Im gleichen Zeitraum sank einer Studie der Medizinischen Universität Wien zufolge die Zahl der Kindstötungen um mehr als die Hälfte. Ein Modell auch für Deutschland? Nicht wenn es nach Familienministerin Kristina Schröder geht.

Von Cathrin Kahlweit, Wien

Die Zahlen klingen niedrig, fast unbedeutend, aber in diesem Fall steht hinter den kleinen Zahlen ein großes Glück: Eine am Mittwoch im BJOG, einem britischen Fachblatt für Gynäkologie, veröffentlichte Studie belegt, dass in Österreich die Zahl von Kindstötungen in den ersten 24 Stunden nach der Geburt um mehr als die Hälfte zurückgegangen ist.

In der Fachsprache nennt man diese Tötungen Neonatizide; in der Regel werden sie von Müttern begangen, die ihre Schwangerschaft verdrängt oder nicht bemerkt haben, von der Geburt überrascht, von der Situation überfordert sind, die ihre Kinder im Schockzustand töten oder durch Vernachlässigung nach der Geburt sterben lassen.

Forscher der Medizinischen Universität in Wien haben jetzt nachgerechnet: Gab es vor mehr als zehn Jahren noch durchschnittlich sieben Tötungen auf hunderttausend Geburten, so waren es im vergangenen Jahrzehnt drei.

Anonyme Geburten gesetzlich erlaubt

Den Grund dafür sehen die Mediziner in einem Gesetz, das anonyme Geburten erlaubt - und das es so seit zehn Jahren gibt in Österreich; sie haben keine anderen Indikatoren gefunden, die einen Rückgang der Zahlen begründen würden, keine Abtreibungsgesetze oder Aufklärungskampagnen. Nur einen Erlass, der es seit 2001 erlaubt, dass Frauen in "anerkannten Notsituationen" ihr Kind anonym in einem Krankenhaus zur Welt bringen können, ohne dass "von den Sicherheitsbehörden Erhebungen" durchzuführen sind.

Solche Gesetze gibt es in einigen wenigen anderen europäischen Ländern, in Frankreich etwa oder Italien, aber: Dort gibt es keine Statistiken über Neonatizide. In Finnland oder Schweden wiederum gibt es entsprechende Statistiken, aber kein solches Gesetz. Dort sind die Zahlen im selben Zeitraum nicht gesunken.

In Deutschland gelten andere Regeln

In Deutschland gibt es über anonyme Geburten und Babyklappen vor allem Streit: Bundesweite Zahlen über Neugeborenentötungen fehlen, weil diese nicht als eigenständiges Delikt gelten, anonyme Geburt ist verboten. Zwar werden Babyklappen geduldet, in denen Neugeborene abgelegt werden können, aber offiziell gilt das als "rechtswidriges Tun". Einzelne Spitäler ermöglichen anonyme Geburten, aber danach ermittelt die Polizei.

Familienministerin Kristina Schröder möchte diese Regelung sogar verschärfen - sie will verhindern, dass Kinder auf immer im Unklaren über ihre Herkunft bleiben.

Diese politische Debatte interessiert Claudia Klier, Ko-Autorin der Studie und Assistenzärztin an der Uniklinik für Pädiatrie, wenig. Wichtig ist für sie Sicherheit von Kind - und Mutter. 30 bis 40 anonyme Entbindungen gibt es jährlich in Österreich. Klier vermutet, dass dieser Weg Müttern in der Not einen "Ausweg" lässt. "Frauen in solchen Situationen haben oft keine Handlungsstrategie, sie reagieren panisch. Unsere Zahlen weisen darauf hin, dass für einige die anonyme Geburt ein Ausweg war."

John Thorp vom Fachblatt BJOG, das die Studie publizierte, hält das Modell auch für sinnvoll, weil so die hohe Sterblichkeit von Gebärenden gesenkt werde, die nach einem Neonatizid medizinisch unversorgt blieben: "Prävention und Babyklappen sind zwar in der Theorie gut, scheinen aber Mütter, die während Schwangerschaft und Geburt alleingelassen werden, nicht ausreichend zu schützen."