Prozess gegen "Heckenschützen von Malmö" Breiviks Vorbild

Drei Morde und zwölf Mordversuche soll Peter M. begangen haben. Aus Fremdenhass. Doch obwohl der "Heckenschütze von Malmö" in einem Aufsatz von Adolf Hitler schwärmt und für einen anderen rechtsradikalen Massenmörder zum Vorbild wurde, bestreitet er, Rassist zu sein. Im Prozess kommt nun ein mögliches anderes Motiv für seine Bluttaten ans Licht.

Von Gunnar Herrmann, Malmö

Eineinhalb Jahre ist her, dass sich die Kugeln in Xhafer Danis Kopf, Arm und Brust bohrten. Er ist immer noch krankgeschrieben, mindestens ein weiteres Jahr, sagen die Ärzte. Am Dienstag musste der heute 22-Jährige sich im schwedischen Malmö vor Gericht an jene Nacht zum 20. Oktober 2009 erinnern, in der in der Straße Västra Skrävlinge kyrkoväg ein knappes Dutzend Mal auf sein Auto gefeuert wurde.

Desinteresse am Leid seiner mutmaßlichen Opfer: Vor Gericht in Malmö verfolgte Peter M. die Aussage eines Zeugen ohne erkennbare Gefühlsregung.

(Foto: REUTERS)

Er ist der erste Zeuge im Prozess gegen Peter M., den mutmaßlichen Heckenschützen von Malmö, dem insgesamt drei Morde und zwölf Mordversuche zur Last gelegt werden. Dani soll helfen, zwei der Taten aufzuklären. Den Mordversuch, den er selbst knapp überlebte. Und den Mord an der 20-jährigen Trez West Persson, die damals neben ihm auf dem Beifahrersitz tödlich getroffen wurde.

Dani ist ein Kleinkrimineller, am 20. Oktober 2009 hatte er gerade Freigang aus dem Gefängnis. Er besuchte eine Party in der Nähe des Tatorts und gegen Mitternacht setzten er und Persson sich ins Auto, um sich zu unterhalten. "Es ging alles so schnell", murmelt er, als er die Szene nun vor Gericht beschreiben soll. "Ich höre Schüsse, rieche Pulverdampf. Das Auto startet nicht. Ich renne weg." Blutend schleppte er sich zurück zur Party. Persson lag da bereits im Sterben.

Der Mann auf dem Fahrrad

An den Täter kann Dani sich an diesem Dienstag nicht mehr erinnern, er wirkt unsicher. Sein Gedächtnis habe sich wegen der Kopfverletzung verschlechtert, erklärt er. Staatsanwältin Solveig Wollstad liest aus alten Verhörprotokollen vor: Wenige Tage nach dem Anschlag hatte Dani der Polizei detaillierte Angaben über einen Mann gemacht, der plötzlich auf einem Fahrrad aus dem Dunkeln aufgetaucht war und schoss. Etwa 40 Jahre alt sei der gewesen und habe "schwedisch" ausgesehen.

Die Beschreibung passt auf den 40-jährigen Peter M., der etwa ein Jahr später festgenommen wurde. Er sitzt Dani nun gegenüber, mit halb offenem Hemd, uninteressiert in den Stuhl gelehnt. M. streitet alle Vorwürfe ab. Allerdings hat die Polizei in seiner Wohnung die Tatwaffe gefunden.

Unklar ist, warum M. auf Dani gefeuert haben soll. Ist er ein verwirrter Einzeltäter? Oder ein Rechtsextremer, der aus politischen Motiven mordete?

Die meisten Opfer des Heckenschützen waren Einwanderer. Anders Behring Breivik, der Attentäter von Oslo und Utøya, hält den Malmöer Heckenschützen gar für einen Verbündeten und bezeichnete ihn kürzlich als "großen Widerstandskämpfer". M. versicherte dagegen in Verhören: "Ich bin kein Rassist, ich habe nichts gegen Menschen aus anderen Kulturen."

In den Beweisunterlagen der Staatsanwaltschaft finden sich jedoch viele Dokumente, die das Gegenteil belegen. Regelmäßig besuchte der mutmaßliche Mörder rechtsextreme Internetforen, schrieb dort über die "jüdische Weltverschwörung" und wetterte gegen Einwanderer. In einem in der Haft verfassten Aufsatz schwärmte er für Adolf Hitler.

Rache für den Drogentod der Schwester?

Auffällig ist auch M.s Hass auf Kriminelle, ausgelöst vermutlich durch den Drogentod seiner älteren Schwester im Jahr 1990. "Irgendwer muss dafür bezahlen", schrieb er in einem Text, den die Polizei beschlagnahmte. Die Ermittler fanden auch eine "Kampfweste", vollgestopft mit Waffenzubehör und Messern, an der M. eine Plakette mit dem Namen seiner Schwester befestigt hatte. In dieser Montur, mit maskiertem Gesicht, war er jahrelang durch Malmö geschlichen - das zumindest hat er gestanden. Aber nur der Spannung wegen, um "das Gefühl zu testen", erklärt er nun vor Gericht.

In M.s Wohnung entdeckten die Polizei auch Listen mit Adressen von stadtbekannten Kriminellen, auf einer davon stand auch Danis Name. Staatsanwältin Wollstad glaubt jedoch nicht, dass M. am 20. Oktober 2009 gezielt Jagd gemacht hatte: "Es war wohl Zufall, dass er den Opfern dort begegnete."

Anders als Breivik oder die deutschen NSU-Terroristen lässt M. sich nicht eindeutig der rechtsextremen Szene zuordnen. Er lebte allein, pflegte kaum Kontakte. Ein Arzt diagnostizierte bei ihm das Asperger-Syndrom, eine autistische Störung. Einsam in seiner Wohnung beschäftigte M. sich vor allem mit seinem Hobby: Schusswaffen. In der Küche lagerten Hunderte Patronen in Marmeladengläsern, dazu Pistolen, Holster, Läufe und Laserzielgeräte. Für Waffen interessiere er sich seit einem USA-Aufenthalt im Jahr 2000, erklärt er nun. "Die amerikanische Kultur hat mich dazu inspiriert."

Sonst bleibt der Angeklagte einsilbig. Hat er auf Persson und Dani geschossen? "Nein." Warum am Tatort dann Patronen und Kugeln gefunden wurden, die aus seiner Glock stammen, will der Ankläger wissen. M. druckst herum. Er habe seine Glock und Teile davon er öfter mal verliehen. An wen? "Weiß nicht. Kein Kommentar."

Die Verhandlung soll bis Mitte Juli andauern.