Organhandel in China Tod auf Bestellung

  • Bislang waren Hingerichtete in China automatisch Organspender. Medienberichten zufolge soll sich diese Praxis nun ändern.
  • Doch eine genau Analyse zeigt: Die chinesische Führung will Exekutierten auch weiterhin Organe für Transplantationen entnehmen.
  • Zahlungskräftige Patienten aus dem Westen spielen dabei mit
Von Christina Berndt

Mit den Medien kennt sich Huang Jiefu aus. Seit Jahren ist der frühere Vize-Gesundheitsminister nun schon Vorsitzender der Organspendekommission in China. Und er weiß die Presse geschickt für seine Zwecke einzusetzen. Sogar die ausländische.

"China stoppt Organentnahme von Exekutierten", hieß es Anfang Dezember in zahlreichen internationalen Medien. Zum 1. Januar schon wolle China damit aufhören, Hingerichtete als Organspender zu nutzen.

Kenner der Szene rieben sich allerdings die Augen. "Wie sollte das gehen? Schließlich gibt es in China außerhalb von Gefängnissen kaum Organspenden", sagt Huige Li, ein Professor von der Universität Mainz, der sich bei der Organisation DAFOH (Ärzte gegen erzwungene Organspende) engagiert. 10 000 Organe werden pro Jahr in der Volksrepublik China transplantiert; mehr sind es allein in den USA. "Aber nicht einmal die Hälfte dieser Organe kommt von freien Bürgern", so Li. Umso größer sei die Begierde nach den Organen von Inhaftierten, die bisher meist nach persönlichen Handelsabkommen zwischen Polizeipräsident, Richter und Arzt einflussreichen oder zahlungskräftigen Kranken zugeschanzt würden.

Einer der vielen Belege dafür: Im Jahr 2006 hat der damalige Polizeichef von Jinzhou, Wang Lijun, einen mit umgerechnet 200 000 Euro dotierten Preis bekommen, weil er an mehreren Tausend Transplantationen mitgewirkt habe. "Wohlgemerkt: der Polizeichef", sagt Li.

Die Tücken des staatlichen Organspendesystems

Wer genau hinsieht, der kann leicht erkennen: Huang Jiefu hat überhaupt nicht vor, die Organspenden von Exekutierten in China zu beenden. "Er nennt die Gefangenen nur nicht mehr Gefangene", sagt Arne Schwarz, der sich seit Jahren gegen die Verwendung von Organen Hingerichteter engagiert. Und Huang will die Organe künftig offenbar ohne die bisher übliche Korruption über das staatliche Organspendesystem vergeben. "Freiwillige Spenden sollen künftig die einzige Quelle für Organe sein", heißt es in der staatlichen Tageszeitung China Daily, in der nichts erscheint, was nicht von der politischen Führung gebilligt wird.

Gefangene seien aber weiterhin "qualifizierte Kandidaten" deren Organe "im Computersystem registriert anstatt für privates Handeln genutzt" werden. Das, so heißt es weiter, werde der wichtigste Unterschied sein. Schließlich könne man Organe von Gefangenen nicht einfach ablehnen, wenn die nach ihrem Ableben damit noch etwas Gutes tun wollen. Sie seien doch Bürger wie alle anderen auch. Aber in Zukunft würden ihre Organe nur genutzt, wenn sie "freiwillig spenden und ihre Familien die Entscheidung begrüßen".

"Aber was ist schon freiwillig, wenn man mit dem Tod bedroht wird?", fragt Li. "Aus gutem Grund wird die Verwendung von Gefangenen als Organspender von Ärztegesellschaften und Menschenrechtsorganisationen weltweit scharf verurteilt." Vor genau einem Jahr ist dies auch in einer Resolution des EU-Parlaments geschehen. Huige Li sorgt sich, dass sich mit der neuen Regelung die Unrechtstaten verschleiern lassen. "Wenn Huangs Pläne nun wahr werden, sind alle Bemühungen der internationalen Gesellschaft umsonst gewesen", sagt er. "Dann können Organe von Hingerichteten immer über das staatliche Organspendesystem weißgewaschen werden."

So profitiert der Westen vom Organraub in China

Der Westen ist nicht unbeteiligt daran, dass der Organraub in China weitergeht. Ärzte und Wissenschaftler suchen den Austausch mit dem zweitgrößten Transplantationssystem der Welt, das ihnen Publikationen einbringen kann und mitunter auch finanzielle Interessen befriedigt. Auch Pharmafirmen nutzen die große Zahl von Transplantationen in China: Sie lassen dort Medikamente testen, die zum Beispiel die Abstoßung von Organen unterdrücken sollen. In den entsprechenden wissenschaftliche Veröffentlichungen wird dann kurz erwähnt, von welchen Spendern die Organe stammen: "Todesursache: Hirnverletzung", steht dort. "Übersetzt heißt das: Kopfschuss", sagt Arne Schwarz.

Am meisten würde es das chinesische System wohl treffen, wenn westliche Ärzte ihren chinesischen Kollegen endgültig die Zusammenarbeit entsagten. Doch bis heute gibt es auch an deutschen Transplantationszentren Kooperationen mit China. Transplantationsmediziner aus der Volksrepublik erhalten ihre Ausbildung in Deutschland. Auf dem Kongress der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG) verteidigte jüngst ein emeritierter Professor aus Ulm dieses Vorgehen: "Wenn wir uns von diesen Kollegen separieren und die Kommunikation beenden, haben wir noch weniger Einfluss darauf, wie sie ihren Beruf ausüben", sagte er. Huige Li entgegnet: "Es ist sicher so, dass auch aufrichtige Ärzte nach Deutschland kommen, um das Fach zu lernen. Aber es gibt nicht nur diese aufrichtigen Kollegen. In China profitieren letztlich die Machthaber von den Kooperationen."