Depressionen, Mobbing und ein finsterer Spruch im Internet - am Tag danach zeichnen sich klarere Konturen des Amok-Täters ab. Immer drängender wird die Frage, warum niemand bemerkte, wohin der 17-Jährige steuerte. Trost finden wird in Winnenden so bald keiner.
Es ist genau 2.45 Uhr in der Nacht auf Mittwoch, als Tim K. das Massaker im Internet ankündigt. Er sitzt allein zu Hause in seinem Zimmer, allein mit seinem fürchterlichen Plan, die Eltern und seine jüngere Schwester schlafen längst. Sechs Stunden noch, dann wird er in den Bus nach Winnenden steigen, mit der Pistole seines Vaters und gut zweihundert Schuss Munition.
Bild vergrößern
Eine Stadt, schwer gezeichnet von der Schreckenstat: Eine Frau entzündet in Winnenden vor der Albertville Realschule eine Kerze. (© Foto: AP)
Anzeige
Er wird zur Albertville-Realschule fahren und auf jeden schießen, der sich ihm in den Weg stellt. Am Mittag werden er und 15 weitere Menschen tot sein. Die Nachricht von seinem Amoklauf wird um die Welt gehen, und überall wird nur die eine Frage gestellt werden: Warum nur hat er das getan?
In dieser Nacht also sitzt Tim vor seinem Computer und schreibt in einem der Chatrooms für Jugendliche: "Scheiße Bernd, es reicht mir, ich habe dieses Lotterleben satt, immer dasselbe, alle lachen mich aus, niemand erkennt mein Potential. Ich meine es ernst Bernd - ich habe Waffen hier und ich werde morgen früh an meine frühere Schule gehen und mal so richtig gepflegt grillen. Vielleicht komme ich ja auch davon. Haltet die Ohren offen. Bernd, ihr werdet morgen von mir hören. Merkt euch nur den Namen des Orts: Winnenden. Und jetzt keine Meldung an die Polizei; keine Angst, ich trolle nur."
Irgendwo in Bayern sitzt um diese Zeit ebenfalls noch ein Schüler am Computer, liest die Botschaft und antwortet nur mit einem Kürzel aus drei Buchstaben: "lol" - was im Internetjargon so viel heißt wie: Ich lache nur über deinen Scherz. Erst als er am nächsten Tag von der Tat in Winnenden hört, weiß er, dass es kein Scherz war, sondern Ernst: Sein Vater informiert die Polizei über die nächtliche Unterhaltung am Computer im Spaßforum mit dem Namen "Krautchat", die irgendwo auf einem Server in den USA gespeichert ist.
Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech verkündet am Donnerstag diese und weitere Ergebnisse der Ermittlungen. Sie geben Einblick in die dunkle Gedankenwelt des jungen Täters. Jetzt steht auch fest: Er litt unter Depressionen. Bei der Durchsuchung des Elternhauses wurde in seinem Zimmer der Bescheid für den Wehrdienst gefunden. Daraus geht hervor, dass Tim im vergangenen Jahr über einen längeren Zeitraum wegen seiner psychischen Erkrankung in stationärer Behandlung war. Nach seiner Entlassung sollte er in der psychiatrischen Klinik von Winnenden weiter ambulant betreut werden - also in genau jenem Krankenhaus neben der Realschule, vor dem er auf seiner Flucht noch einen Mann tötete. Aber er hat sich nicht mehr gemeldet dort.
Tim, das steht nun auch fest, war den Umgang mit Schusswaffen gewohnt: Sein Vater ist Mitglied im Schützenverein in Leutenbach. Daheim im Waffenschrank verwahrte er nach Angaben der Polizei zehn Gewehre und zwei Revolver unterschiedlicher Kaliber. Die Tatwaffe lag offenbar ungesichert im Schlafzimmer. Es soll sogar einen Schießstand im Keller des Hauses gegeben haben.
Auf der nächsten Seite: Der Amokschütze hat offenbar in zwei getrennten Welten gelebt.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 4 nächste Seite
"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...
- Thema
- Amoklauf Winnenden RSS
- Winnenden nach dem Amoklauf Killerspiele, Zombies, Waffenrecht 12.03.2009
- Das Drama von Winnenden Schwarz wie der Tod 11.03.2009
- Nach dem Amoklauf in Winnenden Rückkehr zum Tatort 12.03.2009
- Amoklauf von Winnenden "Ich hab Angst. Schreckliche Angst." 12.03.2009
- Winnenden: Konsequenzen "Die Schule ist kein Hochsicherheitstrakt" 12.03.2009
- Blutbad von Winnenden Vater des Amokläufers kommt vor Gericht 06.05.2010
- Verschärftes Waffenrecht Legen Sie die Waffe weg! 30.12.2009
Kapitalabzug aus Südeuropa
Unsere Politiker sinjd nicht daran interessiert, die Ursachen für die Verwahrlosung vieler Jugendlicher zu erkennen und mit präventiven Programmen entgegenzuwirken.
Das würde ja Geld kosten, welches sonst dem Militär den Rettungsaktionen der von Zockern in die Krise gerittenen Unternehmen nicht mehr zur Verfügung stehen würde.
Eine betroffene Miene und die Forderung nach strengen Gesetzen ist alles was investiert wird.
Seltsam, wo sind die ganzen vorherigen Kommentare geblieben?