Mittelmeer Wer Flüchtlinge rettet, der hilft auch Schleusern

Das Schiff der Organisation "Sea Eye" bei einer gemeinsamen Rettungsaktion vor der libyischen Küste mit anderen NGOs.

(Foto: REUTERS)

Niemanden ertrinken zu lassen, ist ein menschlicher Impuls. Doch damit helfen private Hilfsorganisationen auch den Menschenschmugglern. Nicht der einzige Punkt, an dem die Realität im Mittelmeer mit humanitären Idealen kollidiert.

Kommentar von Andrea Bachstein

Nun haben sich also Retter auf dem Mittelmeer selbst in höchste Gefahr gebracht: Die Crew der privaten Hilfsorganisation Sea Eye hatte so viele Flüchtlinge auf ihr Schiff genommen, dass nur der Mayday-Notruf blieb. Der Vorgang wirft ein Schlaglicht auf die Dramen, die sich Tag für Tag vor Libyens Küste abspielen. Und die Frage drängt sich auf: Helfen die Helfer - oder verschlimmern sie am Ende gar das Elend?

Private Flüchtlingshelfer unternehmen aus humanitärer Überzeugung alles, um Menschen zu retten. Schiffe kleiner und großer Organisationen wie der Ärzte ohne Grenzen halten sich bereit, um die von Schleusern auf Gummiboote gepferchten Migranten vor dem Tod zu bewahren. Sie wollen da sein, wenn die Schiffe von Italiens Küstenwache, von Frontex und der EU-Mission Sophia nicht da sind.

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Sind private Hilfsorganisationen ein "Pullfaktor"?

Es ist ein zutiefst menschlicher Impuls und zudem eine Verpflichtung aus dem Seerecht, nicht zuzusehen, wenn Menschen ertrinken. Doch nun fliegen die Vorwürfe: Nicht nur Frontex hält den privaten Helfern vor, Schleusern in die Hände zu arbeiten und deren skrupelloses und lukratives System zu unterstützen. Als "Pullfaktor" schüfen sie erst den Anreiz zur Flucht, schafften eine Gefahr für Flüchtlinge und erledigten einen Teil des Geschäfts der Menschenschmuggler, heißt es. Ein Vorwurf übrigens, der schon Italien traf, als es mit der Seerettungsoperation Mare Nostrum Zehntausende in sichere Häfen brachte. Hilfsorganisationen werfen der EU dagegen vor, viel zu wenig zu tun, ja in Abschreckungsabsicht bewusst nicht zu handeln und selbst Komplize der Menschenschmuggler zu sein. Was ist falsch, was ist richtig?

Dass die Schleuser mit den Rettern rechnen, ist klar. Sie beweisen es täglich, wenn sie ihre lächerlichen, seeuntauglichen Boote aufs Wasser zwingen. Die Migranten und Flüchtlinge rechnen aber nicht unbedingt damit: 350 000 sollen derzeit in Libyen sein, jeden Tag machen sich neue auf den Weg. Sie wissen nichts von Sea Eye und den anderen Rettern, sondern wollen Kriegen und sozialer Misere entkommen. Zu Abertausenden bezahlten sie bereits mit ihrem Leben. Mit jedem Toten mehr wiegt die Schuld schwerer und Europa verliert seine Würde.

Es ist ein Dilemma: Es werden nie genug Retter da sein, um jedes Unglück zu verhindern. Rettungsoperationen lösen auch die Flüchtlingskrise nicht. Humanitäre Organisationen verlangen deshalb seit Langem, sichere Fluchtkorridore einzurichten, damit keiner stirbt und den Schleusern das Geschäft entzogen wird. Das wäre das Ende vieler Tragödien.

Es hilft nur eine alte Formel - weil es keine bessere gibt

Doch hier kollidiert die nüchterne Realpolitik mit den humanitären Idealen. Die Politik kann und will Menschlichkeit nicht aufgeben. Aber sichere Korridore wären der größtmögliche Pullfaktor - eine Einladung zur Massenmigration aus den Armutsregionen dieser Erde. Die will und kann Europa nicht aussprechen, der Migrationsdruck bleibt auch so schon enorm hoch, nicht zuletzt durch das Bevölkerungswachstum in Afrika. Die Politik setzt auf den Kampf gegen Fluchtursachen und sie will Auffangzentren in Nordafrika für alle, die ohne Aussicht auf Asyl losziehen.

All das ist richtig, aber es wirkt nicht sofort. Geflüchtet wird jetzt, über das Mittelmeer, jeden Tag. Deshalb muss jeden Tag gerettet werden. Wohl wahr: Das moralische Dilemma der Europäer nützt auch den Schleusern. Aber in der Abwägung der Prioritäten - Schleuser abschrecken oder Menschenleben retten - haben die Menschenleben Priorität. Das Dilemma ist nur dann aufzulösen, wenn alle Hebel gleichermaßen stark bedient werden: Flüchtlingen helfen, Schlepper bekämpfen, Fluchtursachen beseitigen. Eine alte Formel - weil es keine bessere gibt.

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