Misshandlungen im Jugendheim Auf Liegen geschnallt und diszipliniert

Fröhlicher Schein, furchtbares Innenleben? Ein Schild vor dem Kinder- und Jugenheim "Haus Babenberg".

(Foto: dpa)

Es klingt wie aus "Einer flog übers Kuckucksnest": In Heimen im Osten Brandenburgs sollen schwer erziehbare Jugendliche mit unmenschlichen Methoden diszipliniert worden sein. Die Betreiber bestreiten die Vorwürfe. Jetzt wird ermittelt.

Von Constanze von Bullion

Es gibt Orte auf der Welt, an die man selbst seine besten Feinde nicht hinwünscht. Dann welche, die besser sind als ihr Ruf. Und solche, von denen kaum jemand weiß, dass es sie gibt.

Die Anti-Aggressionsräume der Haasenburg GmbH in Brandenburg gehören zur dritten Kategorie, so viel steht schon mal fest, zu den bislang eher unbekannten Orten dieser Erde. Das aber ändert sich gerade. Denn was sich in den "reizarmen" Räumen der Heime für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche im einsamen Osten Brandenburgs abgespielt haben soll, erinnert eher an Szenen aus dem Film "Einer flog übers Kuckucksnest", als an Erziehung problembeladener Jugendlicher. Noch aber sind die Vorwürfe nicht geprüft. Nach der Wahrheit wird gesucht.

Staatskanzlei des Landes Brandenburg am Freitag, ein klassizistischer Bau steht da Rand von Potsdam, drinnen sind besorgte Mienen zu sehen. "Es geht um Vorwürfe massiver Menschenrechtsverletzung", sagt da Brandenburgs SPD-Jugendministerin Martina Münch, die eine Untersuchungskommission einsetzt. Fünf Experten aus Jugendpsychiatrie und Jugendhilfe sollen schwere Vorwürfe gegen die Betreiber der Haasenburg GmbH prüfen, die in drei Heimen Kinder und Jugendliche aus 14 Bundesländern mit brachialen Methoden diszipliniert haben sollen.

Eltern, die trinken, gewalttätig oder Sexualstraftäter sind

Die meisten dieser jungen Leute haben lange Karrieren in sozialen Einrichtungen hinter sich, haben Eltern, die trinken oder gewalttätig sind oder Sexualstraftäter, manche Jugendliche sind im Drogenmilieu gelandet, auf dem Strich, in Kriminalität oder auch Psychiatrie. Jugendämter in ganz Deutschland haben sie nach Brandenburg geschickt und mit richterlichem Beschluss festgesetzt, weil man ihrer daheim nicht mehr Herr zu werden glaubte.

Wenn stimmt, was die Tageszeitung taz zutage förderte, könnte der Aufenthalt in Heimen der Haasenburg GmbH, vorsichtig ausgedrückt, eher wenig zum Wohl der Jugendlichen beigetragen haben. Mitarbeiter sollen da bis 2010 aggressive oder sich selbst gefährdende junge Leute auf Liegen geschnallt und ein ritualisiertes "Deeskalationsprogramm" durchgeführt haben.

"Hanna werden beide Hände verbunden"

Aus Protokollen, die die taz zitiert und in Auszügen abgedruckt hat, geht hervor, dass mehrere Erzieher das Anti-Aggressionstraining durchführten. Am 3. November 2008 etwa soll eine 17-Jährige, die sich ihre Fingernägel blutig biss und Nahrung wie Medikamente verweigerte, Stunden auf eine Liege geschnallt worden sein. In einem Protokoll, das von einem ehemaligen Therapeuten stammen soll und bislang nicht überprüfbar ist, liest sich das so:

"20.07 Uhr: Wehrt sich weiter. Hanna werden beide Hände verbunden, da sie an den Fingern pult. Kopf wird weiter festgehalten.

20.10 Uhr: Halsgurt wird gelöst, da sie sich aufreibt. Hanna fängt an, Kopf auf Unterlage zu hauen, summt weiter.

20.27 Uhr: Versucht Hand aus Fixierung zu lösen. Erzieher hält weiterhin Kopf fest."

So geht das weiter, angeblich bis 1 Uhr morgens, als Auslöser der Maßnahme soll vermerkt sein: "Befolgte Anweisung nicht, ging selbständig auf den Flur."