Süddeutsche Zeitung

Misshandlungen im Jugendheim:Auf Liegen geschnallt und diszipliniert

Es klingt wie aus "Einer flog übers Kuckucksnest": In Heimen im Osten Brandenburgs sollen schwer erziehbare Jugendliche mit unmenschlichen Methoden diszipliniert worden sein. Die Betreiber bestreiten die Vorwürfe. Jetzt wird ermittelt.

Es gibt Orte auf der Welt, an die man selbst seine besten Feinde nicht hinwünscht. Dann welche, die besser sind als ihr Ruf. Und solche, von denen kaum jemand weiß, dass es sie gibt.

Die Anti-Aggressionsräume der Haasenburg GmbH in Brandenburg gehören zur dritten Kategorie, so viel steht schon mal fest, zu den bislang eher unbekannten Orten dieser Erde. Das aber ändert sich gerade. Denn was sich in den "reizarmen" Räumen der Heime für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche im einsamen Osten Brandenburgs abgespielt haben soll, erinnert eher an Szenen aus dem Film "Einer flog übers Kuckucksnest", als an Erziehung problembeladener Jugendlicher. Noch aber sind die Vorwürfe nicht geprüft. Nach der Wahrheit wird gesucht.

Staatskanzlei des Landes Brandenburg am Freitag, ein klassizistischer Bau steht da Rand von Potsdam, drinnen sind besorgte Mienen zu sehen. "Es geht um Vorwürfe massiver Menschenrechtsverletzung", sagt da Brandenburgs SPD-Jugendministerin Martina Münch, die eine Untersuchungskommission einsetzt. Fünf Experten aus Jugendpsychiatrie und Jugendhilfe sollen schwere Vorwürfe gegen die Betreiber der Haasenburg GmbH prüfen, die in drei Heimen Kinder und Jugendliche aus 14 Bundesländern mit brachialen Methoden diszipliniert haben sollen.

Eltern, die trinken, gewalttätig oder Sexualstraftäter sind

Die meisten dieser jungen Leute haben lange Karrieren in sozialen Einrichtungen hinter sich, haben Eltern, die trinken oder gewalttätig sind oder Sexualstraftäter, manche Jugendliche sind im Drogenmilieu gelandet, auf dem Strich, in Kriminalität oder auch Psychiatrie. Jugendämter in ganz Deutschland haben sie nach Brandenburg geschickt und mit richterlichem Beschluss festgesetzt, weil man ihrer daheim nicht mehr Herr zu werden glaubte.

Wenn stimmt, was die Tageszeitung taz zutage förderte, könnte der Aufenthalt in Heimen der Haasenburg GmbH, vorsichtig ausgedrückt, eher wenig zum Wohl der Jugendlichen beigetragen haben. Mitarbeiter sollen da bis 2010 aggressive oder sich selbst gefährdende junge Leute auf Liegen geschnallt und ein ritualisiertes "Deeskalationsprogramm" durchgeführt haben.

"Hanna werden beide Hände verbunden"

Aus Protokollen, die die taz zitiert und in Auszügen abgedruckt hat, geht hervor, dass mehrere Erzieher das Anti-Aggressionstraining durchführten. Am 3. November 2008 etwa soll eine 17-Jährige, die sich ihre Fingernägel blutig biss und Nahrung wie Medikamente verweigerte, Stunden auf eine Liege geschnallt worden sein. In einem Protokoll, das von einem ehemaligen Therapeuten stammen soll und bislang nicht überprüfbar ist, liest sich das so:

"20.07 Uhr: Wehrt sich weiter. Hanna werden beide Hände verbunden, da sie an den Fingern pult. Kopf wird weiter festgehalten.

20.10 Uhr: Halsgurt wird gelöst, da sie sich aufreibt. Hanna fängt an, Kopf auf Unterlage zu hauen, summt weiter.

20.27 Uhr: Versucht Hand aus Fixierung zu lösen. Erzieher hält weiterhin Kopf fest."

So geht das weiter, angeblich bis 1 Uhr morgens, als Auslöser der Maßnahme soll vermerkt sein: "Befolgte Anweisung nicht, ging selbständig auf den Flur."

Der Betreiber verneint, das Ministerium ermittelt

Kann das denn wahr sein? 2008 in Deutschland? Gab es in der Haasenburg so wenig Kontrolle? Stimmt es, dass drei Mädchen in solchen Krisensituationen ein Arm gebrochen sein soll? "Wenn die Jugendlichen in einer Reihe stehen, ist der Mund geschlossen und der Blick nach vorne gerichtet", soll laut taz in einer Hausordnung gestanden haben. Jugendliche seien total isoliert, drangsaliert und mit der "Handklemme" in den Griff genommen worden.

"Wir ermitteln wegen des Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen", sagt Petra Hertwig, Oberstaatsanwältin in Cottbus. Ein 19-Jähriger hat jetzt Anzeige erstattet, er sitzt im Maßregelvollzug und sagt, er sei 2010 mehrfach auf eine Fixierliege der Haasenburg geschnallt worden, einmal länger als einen Tag. "Das ist sehr, sehr eigenartig, dass jemand mehr als einen Tag fixiert worden sein soll", sagt die Staatsanwältin. 2010 seien der Haasenburg vom Landesjugendamt neben Anstaltskleidung und Holzschuhen auch Fixierliegen untersagt worden. Nun werde alles zügig geprüft. Andere Ermittlungen wurden eingestellt. Eine 15-Jährige erhängte sich 2005 im Heim am Schrank. Eine andere fiel 2008 vom Dach und war tot, sie soll bei der Flucht abgestürzt sein. Es seien, so die Staatsanwältin, "keine Verstöße von Erziehern festgestellt worden".

Belohnung mit Kinobesuchen und Intimrasur

Anruf bei Hinrich Bernzen in Hamburg, er ist Politologe und eine Art Sprecher der Einrichtung. Den Artikel der taz findet er "reißerisch", Einiges sei kompletter Unsinn, sagt er. Die Hausordnung etwa habe es "nie gegeben", und Jugendliche seien auch nicht zur Aufgabe ihrer Persönlichkeit gezwungen worden. "Das Prinzip der Hasenburg basiert nicht auf Sanktion, sondern auf positiver Verstärkung." So bekämen Bewohner bei Wohlverhalten Chips, die sie etwa zum Kinobesuch berechtigten, Mädchen auch zur Intimrasur. Warum müssen sie sich das Recht zur Rasur erwerben? "Wir haben Jugendliche, die bisher grenzenlos gelebt und sich und anderen geschadet haben. Das Prinzip ist, den Jugendlichen vorzuleben, dass sie nicht alles haben können", sagt Bernzen.

Was ist eine Handklemme? Ein Polizeigriff, sagt er, schmerzhaft. Wozu braucht man in der Jugendhilfe einen Gurt um den Hals? "Das ist keine Maßnahme zur Erziehung, sondern der Gefahrenabwehr." Ist dieses Protokoll in der taz denn echt? "Es ist nicht erfunden", sagt Bernzen. "Was da steht, ist eventuell nicht gelogen. Aber die Unwahrheit besteht auch im Weglassen." Alles Positive sei verschwiegen worden, und er freue sich auf die Untersuchungskommission des Landtags. "Dann kommt da endlich eine Objektivierung rein."

Im Landtag freuen sie sich etwas weniger. "Für die aufgelisteten Vorwürfe gibt es weder eine Rechtsgrundlage noch eine Legitimation", sagt Jugendministerin Martina Münch. Und dass sie vor allem eines wissen will: "Was ist tatsächlich passiert?"

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SZ vom 29.06.2013/mer
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