Misshandlungen im "Friesenhof" "Bootcamp" für Jugendliche

Die Staatsanwaltschaft prüft jetzt die Causa, außerdem wird der Fall zum Politikum. Hamburgs Linke attackieren Hamburgs rot-grünen Senat, weil im Friesenhof auch Hamburgerinnen untergebracht gewesen waren und das Jugendamt über den mutmaßlichen Umgang längst Bescheid gewusst habe.

In Schleswig-Holstein geraten Sozialministerin Kristin Alheit und ihre Staatssekretärin Anette Langner (beide SPD) unter Druck, weil frühere Beschwerden über den Friesenhof folgenlos geblieben waren. Versäumnisse und Verantwortung allerdings sind das eine - das andere ist die Tatsache, dass dieses Thema über den Friesenhof weit hinaus reicht.

Zuletzt hatte das mittlerweile ebenfalls geschlossene Erziehungsheim Haasenburg in Brandenburg wegen Fällen von Körperverletzung die Justiz beschäftigt. Ein Aufpasser war wegen sexuellen Missbrauchs einer 15-jährigen Schutzbefohlenen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. "Es ist eigentlich immer dasselbe", sagt Michael Tüllmann von der Kinder- und Jugendhilfe der Diakonischen Betreuungsstelle "Das Rauhe Haus", "ich verfolge das seit 34 Jahren."

"Die geschlossene Unterbringung klappt pädagogisch nicht"

Die Jugendlichen, um die es geht, sind oft traumatisiert und bindungslos - Empathie ist ihnen fremd, dazu kommen Pubertät und Identitätskrise. Mangels staatlicher Stellen und flexibler Therapie landen sie in privaten Heimen, die oft Drill hinter versperrten Türen als Lösung betrachten. "Die geschlossene Unterbringung klappt pädagogisch nicht", weiß Tüllmann. Und er beobachtet, wie in diesem Ambiente mitunter selbst wohlmeinende Betreuer verrohen. "Das ist ein fürchterlicher Teufelskreis."

In Schleswig-Holstein waren Ende 2012 insgesamt 6435 Heimkinder untergebracht, darunter mehr als die Hälfte aus anderen Bundesländern. Die Familienrichterin Christiane Orgis vom Amtsgericht Meldorf hat für einen schon 2014 erschienenen Artikel im Fachblatt Das Jugendamt recherchiert, dass allein im Landkreis Dithmarschen mit seinen mehr als 700 Heimplätzen wie denen im Friesenhof ungefähr 25 Millionen Euro verdient würden.

Doch viele dieser Mädchen und Jungen hätten in ihrer Unterkunft kaum Zugang zu einer einigermaßen unabhängigen Vertrauensperson, dabei sieht das Gesetz jeden Monat den Besuch eines Vormunds vor. Und wer nicht aus Schleswig-Holstein stamme, der unterliege dort nicht einmal der Schulpflicht. Kein geregelter Unterricht, Telefon nur unter Aufsicht, kein Internet, Übergriffe und Zwang, und das alles im Deutschland des Jahres 2015. "Bootcamp" nennt die Juristin Orgis solch autoritäre Bleiben. Und sie erinnert daran, dass deutsche Problemjugendliche auch gerne ins Ausland verschickt werden, weil das oft billiger ist.